Monatsarchiv: Februar 2018

Ein bisschen was zum „Gringa-Sein“

Wir sind wieder schön im Alltag drin, bald kommt die gefürchtete Halbzeit und ich fühl mich einfach super wohl hier. Aber so richtig viel „Neues“ zu berichten gibt es nicht. Deswegen jetzt einfach ein bisschen was zum „Offensichtlich-Ausländer-Sein“.

Ethnische Diversität gibt es hier rein oberflächlich gesehen nicht wirklich. Deswegen sticht man da als junge, hellhäutige Blondine – oder besser noch drei davon – sofort aus der Masse und wird ordentlich abgescannt. Entweder bleibt es dann dabei und man läuft einfach weiter oder man wird in ein Gespräch verwickelt, woher man den komme und was man hier mache. Wenn es sich dann noch um einen männlichen Gesprächspartner handelt und dieser heute einen guten Tag hat, wird man manchmal noch nach der Handynummer gefragt. Das kann ich inzwischen ganz gut mit Sätzen wie „Oh die weiß ich grad leider gar nicht auswendig!“ oder so verhindern.

Ganz besonders toll ist es aber, wenn ein Auto an einem vorbei fährt und man dann Pfiffe zu hören kriegt. Das geht schon so weit, dass Clara manchmal schon bei Vogelgezwitscher die Augen verdreht. Oder die Insassen rufen aus dem Fenster Dinge wie „Choquita“ (so was wie „kleine Blonde/Helle). Ach echt? Da wär ich jetzt ohne deine Hilfe gar nicht drauf gekommen, dass ich BLOND bin! Dankeschön! Ab und zu kriegt man auch ein „Princesa“ (also Prinzessin) zu hören – dann aber gleich von und zu Casterlystein bitte! 😀 Inzwischen hab ich mir da aber ein ganz gutes Fell zugelegt und kann die meisten Zurufe ignorieren. Einmal hat es mich aber richtig aufgeregt: Da war ich schon drei Tage krank, ungewaschen und total fertig – also null attraktiv oder begehrenswert – und wollte nur schnell ein paar Bananen kaufen gehen. Und dann pfeift jemand aus dem Auto raus und ich dachte mir nur NEIN!!!

Wie wir oder viele Hellhäutige auch beizeichnet werden, ist „Gringo/a“. So werden schon ganz lang die Amerikaner genannt. Das Wort kommt anscheinend vom Grün (green) der Dollarscheine. Und bis jetzt hatte es für mich immer eine negative Konnotation. Deswegen finde ich es als Deutsche immer ein bisschen beleidigend… ich möchte nicht mit Trumpwählern in einen Topf gesteckt werden! Statt gringo/a kommt auch oft ein einfaches „helloooo!“. Menno! Vielleicht kann ich gar kein Englisch und will viel lieber Spanisch reden?

Und in jeder solchen Situation wird mir bewusst, wie privilegiert und „besser dran“ wir sind, als viele andere Menschen hier und dass das durch unser Aussehen jedem vor die Nase gehalten wird. Egal wo wir sind, egal ob „typisch Ausländer“ beim Reisen oder nur beim Klopapier kaufen die Straße runter, wir stechen immer raus. Egal ob wir erst zwei Wochen, 1 Jahr oder unser Leben lang hier wohnen. Egal, wie gut unser Spanisch ist oder auch nicht. Egal ob wir Freunde oder Hobbys haben und an sich gut integriert sind. Das macht mich manchmal ein bisschen traurig, aber ändern kann ich an der Situation ja auch nicht wirklich viel.

Das hört sich jetzt alles sehr negativ und schlimm an, aber wie gesagt, mein Fell wird jedes Mal dicker und ich fühle mich ehrlich wohl hier. Und ich könnte noch viel mehr schreiben oder alles noch viel besser und korrekter formulieren, aber das geht mir halt so manchmal durch den Kopf. Ich hoffe ich habe keinen fatalen politisch inkorrekten Fehler gemacht. Sonst: Entschuldigung!

Morgen ist Halbzeit und ich habe ein bisschen Angst. Die erste Hälfte ging so schnell rum, ich will gar nicht wissen wie schnell es bei der zweiten geht. Aber ich will jetzt auch gar nicht schon ans Heimgehen denken! Ich habs ja letztes Mal schon mal gesagt: Bald kommt Besuch und die Reisepläne stehen so halb und ich kanns kaum erwarten! 😀

Liebe Grüße ins bitterkalte Deutschland (im Moment haben wir angenehme 23 Grad, hihi)

eure Rahel

Bilder aus La Paz und Copacabana

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Das Waschpulver ist leer.

Der Januar ist schon wieder vorbei und wir haben viel erlebt. Zusammen mit Angelika, Klara und Lina aus Santa Cruz sind wir ein bisschen gereist. Erst ging´s mit der „flota“ (Reisebus; auch gerne verwechselt mit „flauta“-Flöte) nach La Paz. Dort haben wir Johanna, Tabea und Sofia getroffen, waren im Valle de la luna und haben uns von Pedro in die Restaurants seiner Familie einladen lassen und ganz viel Fisch gegessen. Lecker! Drei Tage später – aufgrund von bloqueos gab es nur Trufis – sind wir weiter gefahren nach Copacabana an den Titicacasee, haben wieder Fisch gegessen, waren auf den Islas und haben einfach den wunderschönen See genossen. Dann waren die Straßen gesperrt wegen „Dakar“, dem Wüsten-Autorennen, und wir waren froh, dass wir es dann nach doppelter Fahrzeit wieder nach La Paz geschafft haben. Die Andern sind dann weiter nach Uyuni in die Salzwüste gefahren, aber ich habe noch zwei Tage mit Bea´s Schwester Berna und ihrem Mann Carlos in La Paz verbracht und wurde ordentlich durchgefüttert. Und dann bin ich wieder heim – ja, Kolping ist „daheim“ geworden! – habe mit Aracely und Ingrid Werbung für´s Projekt gemacht, Plakate geschrieben, Rechenspiele auf Vordermann gebracht und die Woche allein daheim genossen. Wir haben auch wieder einige „Problemfamilien“ besucht und ich bin jedes Mal wieder neu überrascht und erschüttert, wie es da manchmal zugeht. Der alleinerziehende Papa der zwei taubstummen Mädels und deren Bruder hat in den Ferien keine andere Möglichkeit, seine Kinder tagsüber allein in dem kleinen Zimmerchen zu lassen. Zu Essen gibt es dann drei Brötchen und das Haus wird von einem aggressiven Hund bewacht, weil die zwei Großen ja gar nicht merken würden, wenn jemand Fremdes kommen würde. Da dachte ich mir erst „Welcher Vater kann so was denn zulassen?!“. Aber einen Tag später haben wir ihn dann zufällig getroffen und er meinte ganz traurig, dass er gar keine andere Möglichkeit hat, da er jeden Cent braucht, um seine Kinder auf die Schule für Taubstumme schicken zu können. Oh man. Aber ab Dienstag gehen sie wieder in die Schule, kommen danach zu uns und sitzen nicht nur daheim rum!

Aufgrund von bloqueos – die sind auch schon total Alltag geworden – sind Tabea aus Inde und ich schon am Sonntagabend nach Santa Cruz gefahren und haben mit dem Rest der „Reisegruppe“ noch zwei schöne Tage verbringen können. Ich bin jetzt stolze Besitzerin von schwarzen Flip-Flops und einer Schlabberhose – ohne geht da dank der Temperaturen und der hohen Luftfeuchtigkeit nämlich überhaupt nicht. Wir haben viel Eis gegessen und sind einmal auch ein bisschen weiter raus gefahren und waren nach einer aufregenden Fahrt im Truck durch Flüsse und Bächlein quasi im Dschungel in Lagunen mit Wasserfall baden – so ganz idyllisch. Da kam nochmal so richtig Urlaubsstimmung auf.

Letzten Mittwoch hat dann unser Zwischenseminar angefangen und ich bin total begeistert. Wir waren 24 Freiwillige aus La Paz, Cochabamba und Santa Cruz und haben uns auf Anhieb richtig gut verstanden. Die Leiter des Seminars waren auch einfach gut und entspannt. In Kleingruppen haben wir unser erstes halbes Jahr (bei uns sind es ja erst 4,5 Monate…) Revue passieren lassen, viel über Politik und Kultur geredet und Pläne geschmiedet für die nächste Halbzeit. Und das kam bei mir raus: 1.)Damit´s hier in der Wohnung nicht so eng ist, könnten wir Bea fragen ob eine von uns in das Zimmer einen Stock weiter runter ziehen kann. 2.)Wir sind ja schon immer so ein „Dreier-Päckchen“, was ja auch ganz nett ist, aber manchmal doch ein bisschen anstrengend. Meine Kleingruppe meinte dann, ich soll mir einfach ein Hobby suchen. Und dann hat Simon, der mit Cilli und ein paar anderen aus seiner WG in Quillacollo tanzt, mich gefragt ob ich seine Tanzpartnerin beim „Chacarera“ sein will. Da hab ich natürlich gleich zugesagt und „hab jetzt was Eigenes!“. Und zum Kaffee trinken mit einigen anderen „Cochabambinas“ hab ich mich auch schon verabredet.                   

Ah, und das Essen war super lecker! Wir haben aber auch schon über so Sachen wie Abschied und Ankommen in Deutschland gesprochen und da hab ich gemerkt, dass ich hier so schnell gar nicht mehr weg will. Mir hond´s halt scho schee, gell! Einen Ausflugstag hatten wir auch und waren nochmal in Lagunen baden, allerdings woanders und es hat irgendwann dermaßen angefangen zu schütten. Ein bisschen Sonnebrand hab ich aber trotzdem gekriegt – woher auch immer… Bei der Hinfahrt mussten wir übrigens die Polizei bestechen, weil Sophia (auch aus Cochabamba!) ihr Carnet nicht dabei hatte und wir aber durch einen Kontrollpunkt kommen wollten. Das Beispiel wurde dann gleich am nächsten Tag bei „Kultur“ durchdiskutiert:D. Lange Rede, kurzer Sinn: Das Seminar war der Hammer und die Liste meiner Ausflugsziele ist auf jeden Fall länger geworden; die Projekte oder Dörfchen der anderen haben sich super spannend angehört.

Und jetzt noch eine andere Nachricht: Im Tiefland gibt’s ja richtig viele Mücken, auch böse, und eine Freiwillige aus La Paz hat sich wahrscheinlich eine Krankheit namens (das war nur die Eselsbrücke, wie sie richtig heißt weiß ich nicht mehr) „Chicken-Huhn-ja“ mit ganz üblen Gliederschmerzen eingefangen. Die Arme konnte nicht mehr schlafen, sitzen, laufen oder stehen ohne Schmerzen. Mich haben sie aber (hoffentlich) verschont, hab mich auch immer brav mit Mückenspray eingesprüht (Danke Clara!).

Und morgen geht’s dann wieder los im Projekt, wir räumen nochmal alles auf bevor am Dienstag wieder der Normalbetrieb los geht. Ich freu mich schon wieder richtig auf die Kinderchen:D Und worauf ich mich auch riesig freu: In ungefähr anderthalb Monaten darf ich Papa vom Flughafen abholen!!! Jippie!

Zum Titel des Textes: Ganz am Anfang haben wir immer gesagt „Wenn das Waschpulver mal leer ist, dann sind wir so richtig angekommen!“. Und ja, diese Aussage kann ich bestätigen!:) Wir haben gleich mal neues gekauft, ein blaues.

Und noch eine wichtige Sache, die ich vom Sepp aus Oberbayern beim Seminar gelernt habe: „Dr Hoos liegt im Groos. Ganz stad. Kopf abgmaht. Kopf liegt danem – unangenehm!“

In diesem Sinne, liebe Grüße nach Deutschland

Eure baldige Profitänzerin

Rahel

P.S.: Aufgrund eines Handy-Missgeschicks kann ich keine Bilder hinzufügen. Das klappt aber hoffentlich in ein paar Tagen!