Ein bisschen was zum „Gringa-Sein“

Wir sind wieder schön im Alltag drin, bald kommt die gefürchtete Halbzeit und ich fühl mich einfach super wohl hier. Aber so richtig viel „Neues“ zu berichten gibt es nicht. Deswegen jetzt einfach ein bisschen was zum „Offensichtlich-Ausländer-Sein“.

Ethnische Diversität gibt es hier rein oberflächlich gesehen nicht wirklich. Deswegen sticht man da als junge, hellhäutige Blondine – oder besser noch drei davon – sofort aus der Masse und wird ordentlich abgescannt. Entweder bleibt es dann dabei und man läuft einfach weiter oder man wird in ein Gespräch verwickelt, woher man den komme und was man hier mache. Wenn es sich dann noch um einen männlichen Gesprächspartner handelt und dieser heute einen guten Tag hat, wird man manchmal noch nach der Handynummer gefragt. Das kann ich inzwischen ganz gut mit Sätzen wie „Oh die weiß ich grad leider gar nicht auswendig!“ oder so verhindern.

Ganz besonders toll ist es aber, wenn ein Auto an einem vorbei fährt und man dann Pfiffe zu hören kriegt. Das geht schon so weit, dass Clara manchmal schon bei Vogelgezwitscher die Augen verdreht. Oder die Insassen rufen aus dem Fenster Dinge wie „Choquita“ (so was wie „kleine Blonde/Helle). Ach echt? Da wär ich jetzt ohne deine Hilfe gar nicht drauf gekommen, dass ich BLOND bin! Dankeschön! Ab und zu kriegt man auch ein „Princesa“ (also Prinzessin) zu hören – dann aber gleich von und zu Casterlystein bitte! 😀 Inzwischen hab ich mir da aber ein ganz gutes Fell zugelegt und kann die meisten Zurufe ignorieren. Einmal hat es mich aber richtig aufgeregt: Da war ich schon drei Tage krank, ungewaschen und total fertig – also null attraktiv oder begehrenswert – und wollte nur schnell ein paar Bananen kaufen gehen. Und dann pfeift jemand aus dem Auto raus und ich dachte mir nur NEIN!!!

Wie wir oder viele Hellhäutige auch beizeichnet werden, ist „Gringo/a“. So werden schon ganz lang die Amerikaner genannt. Das Wort kommt anscheinend vom Grün (green) der Dollarscheine. Und bis jetzt hatte es für mich immer eine negative Konnotation. Deswegen finde ich es als Deutsche immer ein bisschen beleidigend… ich möchte nicht mit Trumpwählern in einen Topf gesteckt werden! Statt gringo/a kommt auch oft ein einfaches „helloooo!“. Menno! Vielleicht kann ich gar kein Englisch und will viel lieber Spanisch reden?

Und in jeder solchen Situation wird mir bewusst, wie privilegiert und „besser dran“ wir sind, als viele andere Menschen hier und dass das durch unser Aussehen jedem vor die Nase gehalten wird. Egal wo wir sind, egal ob „typisch Ausländer“ beim Reisen oder nur beim Klopapier kaufen die Straße runter, wir stechen immer raus. Egal ob wir erst zwei Wochen, 1 Jahr oder unser Leben lang hier wohnen. Egal, wie gut unser Spanisch ist oder auch nicht. Egal ob wir Freunde oder Hobbys haben und an sich gut integriert sind. Das macht mich manchmal ein bisschen traurig, aber ändern kann ich an der Situation ja auch nicht wirklich viel.

Das hört sich jetzt alles sehr negativ und schlimm an, aber wie gesagt, mein Fell wird jedes Mal dicker und ich fühle mich ehrlich wohl hier. Und ich könnte noch viel mehr schreiben oder alles noch viel besser und korrekter formulieren, aber das geht mir halt so manchmal durch den Kopf. Ich hoffe ich habe keinen fatalen politisch inkorrekten Fehler gemacht. Sonst: Entschuldigung!

Morgen ist Halbzeit und ich habe ein bisschen Angst. Die erste Hälfte ging so schnell rum, ich will gar nicht wissen wie schnell es bei der zweiten geht. Aber ich will jetzt auch gar nicht schon ans Heimgehen denken! Ich habs ja letztes Mal schon mal gesagt: Bald kommt Besuch und die Reisepläne stehen so halb und ich kanns kaum erwarten! 😀

Liebe Grüße ins bitterkalte Deutschland (im Moment haben wir angenehme 23 Grad, hihi)

eure Rahel

Ein Kommentar

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  1. Hi Rahel,
    schön, dass es bei Euch so schön warm ist.
    Welzheim gestern früh -14°C, heute früh -12°C
    Grüße aus dem bitterkalten Deutschland

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