Mehr als zweidrittel Mount Everest ohne Sauerstoffzelt!

Das war mein Ziel, als ich mich am Mittwoch vor Fronleichnam mit acht anderen Freiwilligen auf den Weg nach La Paz gemacht habe, um den 6088 Meter hohen „Huayna Potosí“ zu besteigen. Hier ist ja jetzt Winter, und in Cochabamba friere ich schon (zumindest früh morgens und abends), dementsprechend war La Paz um 6.30 eine echte Herausforderung. Um halb 9 hieß es für uns im Büro von „High Camp Lodge“ Equipment anprobieren: Dicke „Skistiefel“, mit Klett verschließbare Schienbeinschoner, Fließhose und -pulli, Funktionslatzhose mit passender Jacke, Sturmhaube, Handschuhe und Helm. Dazu gabs noch eine Kopflampe, einen Eispickel und so „Steigeisen“ zum an den Schuh schnallen. Das war ein echtes Chaos. Um 10 ging es dann in 3 Trufis und 11 anderen Verrückten los erst Richtung El Alto um genügend Wasser und Proviant zu kaufen. „Nehmt ganz ganz viel Schokolade mit!“ – Na gut, wenns uuunbedingt sein muss… 😀 Nach zwei Stunden Fahrt sind wir am „campo base“ auf 4700 m angekommen und haben erst mal was zu essen bekommen: Reis mit Riesenomelett. Da wurde gleich mal klar, dass wir ab jetzt jedes kleine Kohlenhydratchen brauchen werden. Mittags war dann „Einführung in das Gletscherwesen“ angesagt. Also alles außer Fließschicht an und an den Gletscherrand laufen. Dann haben wir gelernt, wie man sich an einem 30 – 45 – Grad – Hang am besten fortbewegt. Zum Schluss ging es dann eine 5 m hohe Eiswand hoch bzw. runter mit zwei Eispickeln in der Hand. Sofia (andere Freiwillige aus Bella Vista; für die paar Tage mein pareja; gleichzeitig mentale Unterstützung :D) und ich haben da eine richtig doofe Stelle mit Überhang erwischt und hingen ab und zu komplett im Seil und dachten, es geht nicht mehr weiter. Ging´s dann aber doch – irgendwie. Dann, das Ereignis des Tages: Alvar hat beide Eispickel im Eis, möchte einen rausziehen, unterschätzt die Kraft und schlägt sich einen dicken Riss in die Lippe, muss nach La Paz fahren zum Nähen, kommt aber am Freitag wieder zum campo base. Nach einem wieder sehr üppigen Abendessen ging es dann um 8 Uhr schon ins Bett: sehr ungewohntes Fronleichnam! 😀

12 Stunden später gab es Frühstück und nach einem anderen äußerst reichhaltigen Mittagessen ging es mitsamt allem Krempel (s.o.) los Richtung „campo alto“. Man stelle sich nun einmal die kleine Rahel mit vollbepacktem 60-Liter-Rucksack, an dem noch Helm, Eispickel und die dicken „Skistiefel“ dran hängen, vor. Es war kein Spaß! 2,5 Stunden, 430 Höhenmeter, einem Schokoriegel und mehreren Fast-Stürzen dank zusätzlichem Gewicht später gab es dann erst mal ein bisschen Tee mit wunderschöner Aussicht. Und dann kommt die Höhe. Der Kopf fängt an zu drücken und irgendwie hat alles einen weißlichen Schleier. Die erste Engländerin sitzt hinter der Hütte und kehrt ihr Inneres nach Außen in eine Schüssel. Das kann ja lustig werden morgen früh! Aber ich dachte, dass es mir auf 5130 Metern schlechter gehen würde. Nach einer kleinen Pause gab es dann um 17 Uhr Abendessen. Noch ein Höhenproblem: ich hatte einfach überhaupt gar keinen Hunger. Aber nichts essen geht ja auch nicht, wenn es 7 Stunden später schon wieder los geht. Also hab ich mir die Hälfte irgendwie reingezwungen. Dann wurden Teams gebildet: 2 Gletscherbesteiger auf einen guía. Sofia und ich haben Rodolfo gekriegt. Weil wir spanisch können. Jaaa, und dann war um halb 7 Bettzeit. Komisches Gefühl. Kopf drückt, alles tut jetzt schon weh vom Riesenrucksack, die Aufregung steigt und die Angst, dass man es nicht schafft, auch. So drei Stunden Schlaf habe ich aber trotzdem gehabt. Bis um 12 Uhr dann das Licht anging. Da kam dann schon der erste Adrenalinschub. Und die Höhe. Ein bisschen Übelkeit, Kopfweh des Todes, und mein ganzer Körper war irgendwie „lapprig“. Da hab ich die einzige Höhenkrankheitstablette des Ausflugs genommen. Und Coca-Tee getrunken. Essen war wieder eine Herausforderung. Ein halbes Marmeladebrot und ein kleines Stückchen Schokokuchen. Dann hieß es, alles anziehen, Schokolade, Wasser und Coca einpacken und im stockdunkeln los. Nach einer halben Stunde sind wir dann an den Gletscherrand gekommen und haben die Steigeisen angelegt und uns an Rodolfo „angeseilt“. Am Anfang waren wir zu viert, Alvars guía ist voraus gegangen um „eine schwierige Stelle zu sichern“. Hilfeee… Ganz langsam, Schritt für Schritt ging es dann los. Wir waren tatsächlich im oberen Drittel der Gruppe, das hätte ich nicht gedacht. Alle halbe Stunde war Wasser-, Schoko-, und Cocawechsel-Pause. Nach einer ziemlich beschwerlichen Tiefschneestelle, in der man nach jedem Schritt wieder zurückgerutscht ist, waren unsere guías der ersten 5 Grüppchen ein wenig gestresst. Wir konnten nicht auf die anderen warten, weil wir sonst den Sonnenaufgang auf dem Gipfel verpassen würden. Außerdem schien es, als wäre mindestens eine Gruppe wieder abgestiegen (Hat tatsächlich gestimmt! 3 Engländerinnen haben es nicht geschafft.) Also sind wir ohne die anderen weiter gelaufen. Wenn es davor beschwerlich war, wurde es jetzt mit jedem Schritt, jedem Höhenmeter unmöglicher. Jede Pause war unbedingt nötig, wenn auch nicht zu lang, weil es affenkalt und windig war. Und immer wieder die Frage „Wie hoch sind wir schon?“. Schlimm, wenn es dann heißt, 5600. Dann fehlen ja immer noch 588!!! Ab 5700 Metern war es einfach nur noch die Hölle. Irgendwann macht alles zu; die Muskeln, die Motivation, die Nase, der Kopf: „Es geht einfach nicht mehr, hör bitte auf!“ Aber Rodolfo war unerbittlich, Schritt um Schritt ging es dann doch weiter hoch. Auf 5800 Metern hieß es dann: „Leute, das ist die letzte Pause, ab jetzt gibt es keinen Platz mehr zum Hinsetzen!“. Auf einem dünnen Zickzackpfad ging es dann also weiter… 288 Höhenmeter ohne Pause. Und dann kam irgendwann die Wut. Ich hab nur noch vor mich hin geschumpfen – auf deutsch aber – und meine, die Anstrengungen sogar mit einer Geburt verglichen zu haben… (sorry Mama! :D) Egal, wie oft wir um eine kurze Pause gebettelt haben, wir mussten weiter gehen. Ich war wirklich ernsthaft am verzweifeln. Und dann sagt Rodolfo nach der bis dahin schlimmsten Stunde plötzlich: „Schaut mal, da oben ist der Gipfel!“ Und dann ging´s. Und dann ist man nach 5,5 Stunden Hölle auf 6088 Metern. Pünktlich zum Sonnenaufgang. Ohne Sauerstoffzelt. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich vor Anstrengung, Unglauben und Erleichterung kein kleines Tränchen verdrückt habe. Nach ein paar Fotos, einigen Schlucken Wasser und tausend „Danke“s an Rodolfo ging es dann auch schon wieder runter, weil die Gipfelfläche nicht wirklich groß ist und es eh viel zu kalt und windig war. Beim Runter wurde einem erst klar, wie weit man tatsächlich hochgekraxelt ist – unglaublich! Um 9 Uhr, genau 9 Stunden nachdem wir aufgestanden sind, waren wir wieder am „campo alto“. Und zwei Stunden später, nach viel Tee und zwei Löffeln Suppe – mehr ging einfach nicht! – wurde der Rucksack wieder voll bepackt und es ging zurück ins „campo base“. Da haben wir dann nochmal umgepackt und das ganze Equipment zurückgeben dürfen, juhu! Und dann wieder den ganzen Weg zurück nach La Paz im Trufi. Da waren wir glaube ich so gegen 3. Die anderen sind direkt wieder nach Cochabamba gefahren, weil sie Sonntag eine fiesta in ihrem Projekt hatten. Ich habe mir noch ein nettes Restwochenende gemacht und bin erst mal in ein Hostel eingecheckt und habe die erste – sogar richtig heiße – Dusche seit fast 4 Tagen genossen. Sonntag Mittag ging es dann wieder nach Hause. Dann die große Sensation: Auf dem Altiplano hat es GESCHNEIT! Das passiert nicht so oft. Deswegen sind wir dann auch erst mal 2 Stunden stehen geblieben. Um halb 1 nachts war ich dann wieder in meinem kuscheligen Bettchen.

Jetzt wisst ihr Bescheid. Ich habs wirklich geschafft. Wie genau, weiß ich nicht mehr. Das war auf jeden Fall die Grenzerfahrung schlechthin. Und jetzt, wo ich weiß, wie es ist, würde ich es auch wirklich nicht nochmal machen. Und trotzdem bin ich schon verdammt stolz!

Nächster Punkt: Mein Geburtstag. War ganz komisch. Am Anfang dachte ich mir nämlich immer: Wenn ich Geburtstag hab, dann ist das Jahr schon fast vorbei. Im Moment will ich aber noch einfach gar nicht über den Abschied nachdenken! Naja, pünktlich zu meinem Jubeltag hatte ich dann eine erhöhte Lipase und durfte keinen Kuchen und nichts Leckeres essen. Von Johanna und Clara habe ich ein Notizbüchlein mit Katze mit Brille bekommen (Kommentar von Clara: „Die Katze hat mich irgendwie an dich erinnert! Brille, Ringelpulli – und ich bin dagegen allergisch.“ :D), ein kleines, dickes Kuschelalpaka, Blumen und als Kuchenersatz Apfelmus. In Piñami hab ich dann Schokokuchen für alle gebacken und wurde als Dankeschön stürmisch umarmt. Noch ein Kommentar von Miguel, dem Ältesten der Projektgänger: „Wir wünschen dir alles Gute zum Geburtstag, jetzt bist du ja erwachsen. Das merkt man schon daran, dass deine Familie dich alleine hat her kommen lassen. Aber wir sind ja auch deine Familie. Wir hoffen, du hast einen schönen Tag.“ Da hätte ich fast wieder ein Tränchen verdrückt. Und abends beim ensayo war es auch noch richtig nett :).

Am Sonntag drauf hab ich dann eine kleine Feier veranstaltet mit Kuchen, Gelatina, Zitronenmousse von Bruder Edgar und Lasagne. Die Gäste waren auf halb 4 bestellt. Don Rogildo kam um halb 3. Der Rest ist gegen 5 nach und nach eingetrudelt… Da hatte ich mal wieder ein bisschen zu viel Vertrauen:D Aber es war trotzdem sehr schön. Und lecker.

Letzten Donnerstag, 21. Juni, war Feiertag anlässlich des Aymara-Neujahrs. Tradition ist es, nachts nach Cotapachi hinter dem Calvario in Quillacollo zu fahren, wo früher die Inca ihr Getreide gelagert haben, um dort auf einem Berg die ersten Sonnenstrahlen zu begrüßen. Muss man natürlich gesehen haben. Also um 4 los Richtung Cotapachi. Viel zu früh und viel zu kalt. Aber was tut man nicht alles. Da oben war natürlich die Hölle los, überall gab es Essen, Souvenirs und zu viele Betrunkene für meinen Geschmack. Und jede Familie macht ihr eigenes kleines Lagerfeuer. Bei dem von der Familie meines Tanzpartners vom Chacarera habe ich dann ein Würstchen und eine Tasse pappsüßen heißen Kaffee bekommen. Um dreiviertel 7, nach dem der neue Bürgermeister Quillacollos eine Ansprache gehalten hat und von vielen ausgepfiffen wurde (der alte, Anti-Evo-Bürgermeister wurde von der MAS einfach abgesetzt), war es dann so weit: Da haben es die ersten Sonnenstrahlen über die Bergspitzen geschafft. Frohes neues Jahr 5526! Um halb 9 war ich dann wieder im Bett und hab quasi den ganzen Tag verschlafen, bis es dann um halb 8 wieder zum ensayo ging.

Ansonsten lass ich mich gerade einfach so vom Alltagsstrudel ziehen. Es ist immer was los, aber nie zu viel. Pro Woche drei ensayos (ab Juli dann jeden Tag… oh oh), die Brüdermesse, am Wochenende Geburtstage oder Parrilladas oder anderes 😀 Mir geht’s einfach super! Die ersten zwei Juliwochen sind Winterferien (wenns allerdings noch kälter wird, wird einfach eine Woche dran gehängt! 😀 ). In der ersten Woche wollen wir jeden Tag Englisch geben und in der zweiten Woche müssen wir wahrscheinlich frei nehmen, da gibt’s nichts zu tun anscheinend. Mal schauen wo es mich hin verschlägt!

Liebe Grüße von der kalten Südhalbkugel

Rahel

P.S.: Die Bilder wollen heute nicht… Stellt es euch einfach sehr sehr spektakulär vor:D

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