Archiv des Autors: rahelhildebrand

Das Visum ist da!

Vor ein paar Tagen auf der Cancha – super leckeres Kokoseis!

Ein bisschen dunkel, aber so sieht´s in der Migración aus. Wer entdeckt den Bildschirm?

Unsere Visumbelohnung – leckere Alfajores auf der neuen Tischdecke! Der Schonmonat ist vorbei!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es folgen Geschichten von der Visum-Jagd! (Achtung, es wird ausführlich und dramatisch;)! Für alle die nicht viel lesen wollen: Wir haben das Visum, es hat schlussendlich alles geklappt. Einfach zum letzten Abschnitt runtergehen!) 

Gleich am ersten Samstag in Cochabamba werden wir an den Plaza Colón bestellt. Nachdem wir dann nochmal eine halbe Stunde durch die Stadt geirrt sind, sitzen wir mit Carmen und den anderen Cochabamba-Freiwilligen 2 Stunden in einem Kopier-Foto-Mach-Laden rum. Da werden massenhaft Passfotos von jedem geschossen und alle Reisepässe mehrfach kopiert.  

In der darauffolgenden Woche unternehmen wir eine hektische Reise durch Cochabamba, gemeinsam mit einem Herrn, der sich um all unsere Unterlagen gekümmert zu haben schien. Zuerst ging es in ein riesiges Gebäude – so richtig verstanden, wo wir genau sind, hab ich nicht. Bei einer Empfangspolizistendame bekommt jede von uns zwei Zettelchen in die Hand gedrückt. Dann werden wir in einen großen Raum mit vielen anderen Wartenden geführt. Überall hängen große Bildschirme, auf denen genau solche Nummern zu sehen sind, wie wir in der Hand halten. Ab und zu ploppt eine neue Nummer auf und es piepst ganz laut. Jetzt heißt es also warten, bis die persönliche Nummer dran ist und man an allen anderen Menschen vorbeilaufen und an einen der unzähligen Glaskasten mit weiteren Polizistendamen treten muss. Je näher meine Nummer rückt, desto aufgeregter werde ich. Was wollen die Damen denn genau von mir? Was, wenn sie mich nicht verstehen oder ich öffentlich dafür gerügt werde, dass ich nicht alle Dokumente unter meinem Arm zerquetscht mitgebracht habe? Und dann ploppt tatsächlich mit einem lauten Piepsen meine Nummer auf und ich schrecke zusammen. Ich stolpere vorbei an lauter Einheimischen, die mich mit ihren Augen verfolgen, vor zum Glaskasten. Ich werde ein bisschen zu meinen Daten befragt. Eine Frage lautet: „In welcher Stadt wurden sie geboren? (Die Dame deutet auf meinen Pass.) In Deutsch?“ „Nein, in Ravensburg.“ Jetzt bitte nicht laut loslachen. Das System findet Ravensburg nicht. Ich soll ihr das Bundesland, in dem Ravensburg liegt, nennen. Auch Baden-Württemberg kann nicht gefunden werden. Mir bricht der Schweiß aus. Als die Dame mich mit ernster Miene in ihr Glaskästchen bittet, überlege ich, wie ich möglichst schnell aus dem Raum fliehen kann. Alles halb so wild, ich soll ihr nur in ihrem Computer zeigen, wo Baden-Württemberg in einer Bundesländerliste zu finden ist. Ich brauche ewig, bis ich verstehe, dass „mein“ Bundesland im Ausdruck „Bayern-Bad“ mit inbegriffen sein muss. Die Dame schaut mich zögernd an, druckt 5 Blätter aus, von denen sie 3 behält. Auf allen muss ich mehrfach unterschreiben. Nachdem alles Mögliche bestempelt wurde, ich mit einem wirschen Kopfnicken weggeschickt werde, drehe ich mich triumphierend um. Und sehe, dass alle mich anstarren, wieder beeindruckt von meiner wilden Gestik wie beim Trufi-Fahren. Peinlich! Mit dem zweiten Zettelchen läuft es ähnlich ab. Viele Daten, viele Unterschriften und viele Dokumente, die eigentlich genau gleich aussehen. Etwa drei Stunden später – im Nachhinein glaube ich, dass ich mir hier bei hoch aufgedrehter Klimaanlage die Grippe geholt hab – verlassen wir das Gebäude; müde und um mehrere Stapel Papier reicher. In einem vollgestopften Trufi geht es weiter zum Palacio de Justicia. Gleiche Geschichte mit Zettelchen, Warten, Daten und Unterschriften. So langsam fühle ich mich ein bisschen auf den Arm genommen. Am Schluss bekommt jede noch ein Zettelchen, mit dem wir in der darauffolgenden Woche mehr Papier abholen sollen. Aha. Hoffentlich bringt das alles auch was!  

Der nächste große Schritt war die medizinische Untersuchung. Um halb 6 mussten wir aufstehen, durften nichts essen und nicht pinkeln. In Cochabamba haben wir erst mal 500 bs an die Polizei überwiesen für die Untersuchungen. Wieder mussten wir warten – mit voller Blase ist das gar nicht so lustig -, unsere Pässe her zeigen, unterschreiben und dann die Urinprobe abgeben. Einmal um das improviesierte Krankenhäuschen rum war die Blutabnhame bei einer älteren Frau, die „Shape of you“ in Dauerschleife gehört hat und auch sehr überzeugt mitgegrölt hat. An dem Morgen war es noch richtig kalt, ich habe gefroren und mein Kreislauf war auch ziemlich im Eimer, weil ich ja noch nichts gegessen hatte. Dementsprechend hat sich das Blutabnehmen schwieriger gestaltet als gedacht. Nichts hat geholfen; weder Arm abbinden, noch Faustgepumpe, noch aggressives auf meinen Arm Geschlage. Meine Venen sind nicht mal ansatzweise zu sehen gewesen. Genervt ist die Dame davongerauscht und 10 Minuten später mit unterschiedlichen Utensilien wiedergekommen. Mir wurde ein Loch in den Finger gepiekst und dann gewaltsam das Blut rausgequetscht und auf verschiedene Plättchen und Tests verteilt. Und dann musste noch ein Glasröhrchen gefüllt werden. Die Dame, inzwischen schon ziemlich gereizt, stochert mit dem Röhrchen in meinem Finger rum. Aua! Nächste Station Röntgen. Ohne jeglichen Schutz nur in Unterhose und einem schicken blauen Überzug durften wir uns einmal durchleuchten lassen. Und dann noch eine Art Verhör. Passnummer, Wohnort, Geburtsdatum. Nehmen sie Medikamente? Nein. (Die paar Ibu lass ich mal außen vor…) Waren sie jemals schwanger? Ja, meine 5 Kinder warten daheim?. Dann noch ein bisschen Abhören, Rumdrücken und Husten. Und das war´s. Mit dem Taxi ging es weiter zur „Migración“, wo wir ein Blatt mit interessanten Angaben (genaue Kontostände, wen bitte hat das zu interesssieren?!) abgegeben haben, das wir am Tag zuvor noch spontan ausfüllen und ausdrucken mussten. Außer einer Notbanane immer noch nüchtern haben wir uns dann gegen 13 Uhr das nächst Beste zu essen geholt.Man, war das toll:) 

Etwa eine Woche später wurden wir auf halb 2 zur Migración bestellt. Alles gar kein Problem, dachten wir, da können wir morgens ja noch ins Projekt, kurz heim was essen und dann mit dem Trufi in die Stadt fahren. Denkste! Früh morgen an besagtem Tag ruft Carmen an und sagt, es gibt „bloqueos“ (Straßensperren, veranstaltet von Interessensgruppen, die so versuchen, ihre Forderungen zu „erpressen“). Der Kilometer 11 sei auf jeden Fall komplett gesperrt, wir würden wahrscheinlich nicht in die Stadt kommen und sie weiß nicht, ob die Sperren sich ausbreiten und wie lang sie dauern. Da geht einem natürlich erst Mal die Drüse. Ich hab mir das so spektakulär vorgestellt wie in „También la lluvia“, der Film, der uns durch den Spanischunterricht in der Oberstufe begleitet hat („Estáis en pecado mortal!“ fällt mir da grad wieder ein?). In Panik haben wir dann gefragt, was wir genau machen sollen: Um 11 mit genug Zeitpuffer mit dem Taxi losfahren. Dann haben wir in Piñami abgesagt und den Verkehr vor unserem Haus beobachtet; da die Hauptstraße gesperrt war, sind alle auf die Nebenstraßen ausgewichen, hier war also richtig was los. Pünktlich um 11 sind wir an den Haltepunkt vom Taxi-Unternehmen unseres Vertrauens „Campestre“ direkt in unserer Straße gegangen und haben dem Fahrer versucht zu erklären wo wir hin wollen. Gespannt, wie er jetzt genau die bloqueos umfährt, sind wir eingestiegen. Und was macht er? Fährt einfach ganz normal auf die Avenida! Und da war nichts los! Völlig unspektakulär, wahrscheinlich hätten wir für ein Zehntel des Geldes den Weg nach Cochabamba zurücklegen können. Naja, so ging es wenigstens schnell und wir mussten nicht viel laufen. Ein kleines bisschen enttäuscht haben wir dann 2 Stunden zu früh vor der Migración gewartet. Irgendwann kam dann auch Carmen (die morgens übrigens wegen den bloqueos um 5 aufgestanden ist und fast zu spät zu einer Klausur gekommen ist) mit 4 riesigen Stapeln Papier für Tabea aus Independencia und uns drei mit zugehörigen Röntgenbildern von der Untersuchung. Und die Bluttest-Ergebnisse: Ich bin gesund und weiß jetzt meine Blutgruppe?. Die arme Carmen muss echt Stress gehabt haben. Da waren Dokumente in meiner Mappe, die ich noch nie gesehen habe, sie muss also noch viel rumgerannt sein! Nach ein bisschen Rumgedrängel vor dem Gebäude sind wir dann ins Gebäude und mussten alle Papiere vorzeigen – wieder mit Zettelchen und Bildschirm. Ich habe wohl den nettesten Beamten erwischt. Carmen meinte im Nachhinein, dass er der „Experte“ sei. Es gab gar keine Probleme, wir haben eigentlich mehr getratscht und er war echt ziemlich lustig. Bei den andern ging alles doppelt so lang, sie mussten komische Fragen beantworten und Johannas Beamter hat irgendwas falsch eingetragen. Dann wurden unsere Fingerabdrücke eingescannt, wunderschöne Spontanfotos gemacht („Setz deine Brille ab!“-ZACK!-wirklich sehenswert…) und wir haben unser vorletztes Zettelchen bekommen, mit dem wir in der darauffolgenden Woche unser Visum abholen können! Juhu!  

Mittwochmittag, 11. September, sind wir dann mal wieder an die Migración gefahren – eine der Trufistrecken, die ich jetzt dann komplett auswendig kenne – und haben uns unser hoffentlich letztes Zettelchen abgeholt. Ich habe mich wieder fieberhaft auf die Bildschirme konzentriert (Haha, Wortwitz, ich hab tatsächlich schon wieder Fieber, doofe bolivianische Viren oder Bakterien oder so!). Als ich (5T war diesmal meine Nummer) dran war, ging es diesmal ganz schnell, ein paar Unterschriften später hatte ich dann meinen Pass mit eingeklebtem Visum drin! Und mal wieder ein paar Blätter mehr. Es ist also tatsächlich vollbracht!!! Eventuell brauchen wir doch noch ein „carnet“, so ein Kärtchen in Richtung Perso glaube ich. Aber das scheint schon beantragt worden zu sein, wir müssen nur Geld überweisen und es dann abholen.  

So, genug erzählt. Ich bin auf jeden Fall froh, dass alles geklappt hat und wir wirklich hierbleiben dürfen!  

Liebe Grüße von der jetzt ganz legalen 

Rahel 

 

Wo wir wohnen & unsere Arbeit in Piñami

Dank der Kirche neben unserer Wohnung werde ich jeden Tag um halb 7 von sehr lautem, schrillem und lang andauerndem Lautsprecher-Glockengeläut aufgeweckt. Das Gute daran ist, dass ich vor dem Aufstehen Zeit finde, euch ein paar Neuigkeiten zu erzählen!

Nach einigem Hin und Her, vielen Gesprächen und einigen Besichtigungen haben wir uns nun entschieden: Wir bleiben im Kolping-Haus wohnen! Auf dem Gelände gibt es eine Art Kindergarten, einen großen Wäsche-Wasch-Platz (den hab ich schon ganze zwei Mal genutzt!) und zwei Wohnhäuser mit jeweils 6 Wohnungen. Hier wohnen Beatriz, die Chefin hier und unsere Vermieterin, der Hausmeister mit Frau und sehr süßem Kind und die bereits erwähnten Hunde. Außerdem können hier Frauen mit ihren Kindern Schutz finden, die daheim von ihrem Mann schlecht behandelt wurden (um es nett zu formulieren). Letzten Freitag, als wir von Piñami zurückgekommen sind, stand ein Polizeiauto vor der Tür. Eine Frau mit zwei kleinen Kindern und vielen bis zum Rand gefüllten Taschen wurde von zwei Polizistinnen hier her begleitet. Es hat ziemlich lange gedauert, bis es in meinem Kopf KLICK! gemacht hat. So richtig Kontakt hatten wir mit den Frauen aber noch nicht; meist nur ein kurzes gestresstes Hallo auf dem Gang oder als wir bei einer jungen Frau und ihrer Tochter am Pizzastand vor dem Haus unser Abendessen bestellt haben. Die meisten Wohnungen stehen aber leer, wir nehmen also niemandem den Platz weg! Jetzt, da eine Entscheidung getroffen wurde, bin ich sehr froh, weil wir uns wirklich einleben können und nicht darauf vorbereitet sein müssen, dass wir bald umziehen. Viele Bilder sind schon am Schrank neben meinem Bett aufgeklebt, wir haben den ersten Groß-Putz hinter uns und auch die meisten wichtigen Einrichtungsgegenstände und Küchengeräte sind besorgt -seit gestern sind wir stolze Besitzer eines Mixers; super zum Suppen, Säfte und Bananenmilch machen und mal wieder sehr „económico“ (preiswert)! Auch sonst haben wir alles was man braucht: Küche mit Gasherd und Kühlschrank, Bad mit Dusche und Mülleimer fürs Klopapier (das verstopft sonst die Rohre), ein einzelnes Schlafzimmer – Johannas große Errungenschaft, und eine Art Wohnraum mit nochmal zwei Betten. Also recht eng, aber trotzdem genug! So, und jetzt noch was Lustiges (hat mir Carmen Sonntagabend beim gemeinsamen Essen erzählt): Vor ein paar Monaten, als José Luis und Carmen über mögliche Wohnungen für uns diskutiert haben, ist kurz Panik ausgebrochen. Auf der Liste mit den Namen haben sie meinen entdeckt und dachten, ich sei ein Junge. Bei „gemischten“ Freiwilligen hätte man dann ja unterschiedliche Räume gebraucht und das ist ja auch nicht förderlich für die Gemeinschaft. Nach einigen schlaflosen Nächten hätte dann ein panischer Anruf nach Deutschland alles geklärt – mich würde interessieren wer ihn entgegen genommen hat und ob dieser Jemand auch so gelacht hat wie ich 🙂 .

Jetzt kommt endlich auch mal was zu unserer Arbeit. Den größten Teil der Woche – (vorraussichtlich)  Dienstag, Mittwoch und Freitag – verbringen wir in der Hausaufgabenhilfe (apoyo escolar) in Piñami. Von Kolping laufen wir ca. 20 Minuten und werden jedes Mal geschockt gefragt, ob wir WIRKLICH gelaufen sind – hier wird nämlich jede Ecke mit dem Trufi gefahren. Das Gelände ist am Ende einer langen Straße, die gerade betoniert wird. Es gibt eine Küche, im unteren Stock wird gegessen und dort machen auch die „Großen“ ihre Aufgaben. Im oberen Stock sind die Kleinen, und Aracely, die Leiterin, macht da ihre Büroarbeiten. Außerdem gibt es noch eine kleine Krankenstation, da helfen wir leider nicht mit, weil sie nicht direkt zum Projekt gehört. An das Gebäude ist die Kapelle von Piñami angebaut. Daneben gibt es einen betonierten Fußballplatz. Wir fangen jeden Morgen um halb 10 an und helfen Ingrid, zuständig für die Kleinen, und einigen Müttern – einmal im Monat sollte eine Mama, deren Kind im Projekt versorgt wird, morgens mithelfen – mit den Vorbereitungen. Also Gemüse schnibbeln (Danke an Jonas, einen Vorfreiwlligen, der dem Projekt einen Kartoffelschäler vermacht hat!), Tische herrichten und Gebäck für den Nachtisch um 5 herstellen – die Empanadas waren bis jetzt meine Favoriten. Ein bisschen vom Gebäck wird abgezwackt und mit Kaffee oder Kaba gibt´s dann noch ein kleines Frühstück für alle Frauen. Danach helfen wir Aracely und Ingrid, Aufgaben für mittags rauszusuchen. Gegen 1 kommen dann meistens erst die Kinder aus dem „kinder“ (Kindergarten), später die Schulkinder. Nachdem alle „überwacht“ von Lorena, einer Praktikantin, ihre Hände gewaschen haben, gibt es Essen. Ganz oft Suppe mit Gemüse, Hühnchenfleisch und wirklich echten Hühnerfüßen – bis jetzt konnte ich davor drücken, Clara hat neulich einen abgeknabbert. Vorher wird aber noch gebetet. Nachdem gespült ist, geht es gegen halb 3 an die Aufgaben. Die Kindergartenkinder und 1.-3. Klässler gehen mit Ingrid nach oben, die anderen bleiben unten. Zuerst bekommt jeder ein Aufgabenblatt vom Projekt, danach müssen die Hausaufgaben gemacht werden. So einige Aufgaben aus der Schule sind ziemlich fragwürdig. Jede Zahl von 1-100 eine Seite lang wiederholen, Zahlen in Viererschritten bis 1000 aufschreiben, unzählige Blätter einfach nur ausmalen. Erklären ist auch oft sehr schwer, da unser Schulsystem von Grund auf verschieden ist und wir früher Dinge ganz anders erklärt bekommen haben. Wie kann ich einem Kind erklären, wie man richtig ein „U“ schreibt? Nach dem gemeinsam schreiben, vormalen und „von oben nach unten und wieder nach oben“ rein gar nichts gebracht haben, war ich recht hilflos. Mit den Kleineren mache ich manchmal an einer Tafel die Vokale oder die ersten Zahlen durch. Sonst kontrollieren wir viel oder versuchen, sinnlose Streits über Stifte oder Spitzer zu schlichten. Ein Satz, der häufig gegrölt wird ist „Hermanaaa, *Name* está molestandoooo!“. Auf die Frage, wie der Beschuldigte denn genau nervt oder stört, weiß dann aber niemand eine Antwort… Unten bei den Großen läuft es ähnlich ab. Der Stoff ist natürlich schwerer – wenn wir heimkommen, übe ich mich zur Zeit im schriftlich Dividieren -, aber oft machen vor allem die Coolen lieber Blödsinn anstatt zu lernen. Im Moment kann man sich auch super über uns lustig machen, weil wir dank der Sprache noch nicht wirklich schlagfertig sind. Auch sehr interessant ist, dass viele Kinder daheim nur Quechua sprechen und erst in der Schule Spanisch lernen, viele 7.-Klässler machen noch sehr einfache Textverständnisübungen. Oder manche Kleinen erzählen mir engagiert Geschichten, die ich einfach nicht verstehe. Zuerst dachte ich „Oh je, mein Spanisch ist ja total schrecklich!“. Wenn ich dann aber sage, dass es mir leid tut und ich leider kein Quechua spreche, sind sie immer sehr enttäuscht. Nach dem Erledigen der Aufgaben dürfen die Kinder spielen. Es gibt viele Puzzle, Brettspiele und Legos. Ich will ja nichts sagen, aber meine künstlerischen Lego-Fähigkeiten steigen bereits ins Exorbitante! Gegen 5 wird aufgeräumt, gefegt und wer raus will, muss sich erst von Ingrid eine Rechenaufgabe stellen lassen und beantworten. Unten wird nicht gespielt, sondern gelernt. Dann gibt es den oben genannten Nachtisch und um halb 6 gehen alle nach Hause. Da einige Familien den monatlichen Betrag von 30 bs im Monat nicht aufbringen können, sind einige Kinder kostenlos dabei. Diese Woche werden jeden Abend diese Familien besucht um zu schauen, ob alles okay ist. Wir laufen also mit den Kindern ihren Schulweg nach Hause. Das ist sehr beeindruckend; man kommt in ganz andere Gegenden als einem sonst „vorgezeigt“ werden. Manche Kinder sind am Tag bestimmt 4 Stunden mit Schul-Piñami-Heimweg beschäftigt.

Was mir an Piñami sehr gut gefällt, ist natürlich erst einmal, dass die Kinder etwas zu essen bekommen, was daheim vielleicht nicht der Fall wäre, da die Eltern meist lang arbeiten. Außerdem werden viele wichtige Werte vermittelt: Hygiene durch das Händewaschen, Einhalten von Regeln durch einen klaren Tagesablauf und Zusammenhalt – ein Tisch wird immer ausgewählt zum Fegen oder Spülen. Auch die schulische Unterstützung ist extrem wichtig. Viele Kinder wissen gar nicht, wie sie die Aufgaben lösen sollten; daheim würden sie sie einfach nicht machen. Außerdem wird jedes Kind einfach angenommen – es gibt zum Beispiel zwei taubstumme Schüler. Natürlich ist die Kommunikation sehr schwer, aber alle bemühen sich. So lerne ich nicht nur ein paar Brocken Quechua und schriftlich Dividieren, sondern auch ein paar Buchstaben Gebärdensprache, um wenigstens ein klein wenig erklären zu können. Mit Händen und Füßen klappt das aber ganz okay. Der Abschnitt hat sich jetzt so angehört als müsste ich das schreiben, ist aber nicht so. Ich finde das Projekt wirklich gut und sinnvoll!

Ein zwei Mal waren wir auch schon in Uspha-Uspha, dem anderen Projekt, allerdings sind wir uns noch nicht so sicher, ob das ganze so sinnvoll ist… Darüber müssen wir nochmal mit unserem „equipo“ sprechen. Sobald darüber Klarheit herrscht, gibt es ein Update!

Und für Bilder hat mein Internet heute leider nicht gereicht, die kommen aber auch bald!

Liebe Grüße von eurer Öko-Tante (so fühle ich mich immer, wenn ich beim Einkaufen meine gute Tasche herreiche, damit nicht jede Gurke einzeln in Plastiktüten verpackt werden muss!)

Rahel

Zwischen Trufis, Torten und Tee

„Bienvenido“ bei den Amigos de San José

Warten, warten, warten…

Mein Traumhut – Teil einer „Tanztracht“

 

 

 

 

 

 

 

 

Heute ist Dienstag. Zwei Wochen ist es schon her, seit wir in Bolivien gelandet sind. Zwar passiert im Moment nicht besonders viel, aber ein paar Gschichtle gibt´s schon.

Erstes Stichwort TRUFI:

Trufi ist die Abkürzung für Taxi RUta FIjada, also quasi „Taxi mit fester Strecke“. Diese Trufis sind kleine Busse in der Größe ähnlich VW-Bussen, in die ca. 10 Leute – manchmal auch mehr – passen.  Mit denen kommt man für sehr wenig Geld eigentlich überall hin. Je nach Strecke kostet eine Fahrt zwischen 1 und 2,50 bolivianos – umgerechnet also 13-30 Cent. An sich eine echt tolle Sache, für uns aber gerade jetzt noch am Anfang sehr aufregend. Denn ein Trufi hat zwar eine feste Strecke, dafür aber keine Haltestellen. Und es gibt ziemlich viele verschiedene Nummern, die alle woanders hinfahren. Entscheidet man sich nun, von der großen Avenida Richtung Cochabamba zu fahren, muss man erst einmal auf die andere Seite der Straße kommen: Entweder über die vierspurige Fahrbahn rennen (nur zu empfehlen, wenn man lebensmüde ist), oder über den großen Fußgängerüberweg watscheln. Dann geht die hektische Suche nach der richtigen Nummer los: „Fährt die 205 direkt rein oder war das die, die einen riesen Umweg macht?“  „Hat Aracely jetzt 207 oder 270 gesagt?“ „Sind wir letztes Mal sicher mit der 252 gefahren?“ „Ja ja, wird schon passen.“ Dann heißt es, dem Fahrer zu zeigen, dass man gern in sein Gefährt einsteigen möchte. Die Erfahrenen machen das ganz cool, in dem sie einfach den Arm ausstrecken, und irgendwie weiß dann immer genau der richtige Trufi-Fahrer, dass er gerade gemeint ist. Bei uns sieht das nicht ganz so elegant aus. Wir entschließen uns recht kurzfristig, für welche Nummer wir uns entscheiden. Und dann rennen wir auf den Trufi zu, schleudern unsere Arme hoch und rufen zur Sicherheit noch ein bisschen rum, um auf uns aufmerksam zu machen. Peinlich berührt steigen wir dann ein und werden von allen Mitfahrenden eingehend beobachtet – warum kann ich immer nicht einschätzen: Entweder, weil sich mindestens eine von uns den Kopf anschlägt, oder weil wir die blonden, auffälligen Gringas sind. Oder vielleicht doch wegen unserer einmaligen Show kurz zuvor. Wir sitzen – geschafft! Falsch gedacht. Der Verkehr hier ist doch recht gewöhnungsbedürftig. Die Straßen sind sehr breit und ohne Spur-Markierung. Mit viel Abstand passen zwei, wenn es sein muss auch drei Autos nebeneinander. Meistens sind es vier. Es herrscht immer große Konkurrenz und Drängelei. Jeder Trufi-Fahrer weiß damit unterschiedlich umzugehen. Bis jetzt konnte ich zwei Typen erkennen: Den Huper und den Super-Huper. Der Huper ist noch relativ jung und fährt bestimmt noch nicht so lang Trufi. Er sitzt sehr aufrecht und weit vorne am Sitz und hat beide Hände am Lenkrad, außerdem macht er ab und zu sogar den Schulterblick. Mit dem Losfahren wartet er, bis er fertig abkassiert hat. Manchmal ist er ein wenig rebellisch und freut sich, wenn er sich zwischen zwei Autos drängeln konnte. Und er hupt, aber meistens nur wenn er wirklich ungerecht behandelt wurde. Ganz anders ist da der Super-Huper (dieser Typ überwiegt eindeutig.) In seinem Trufi läuft laute Musik, während dem Fahren unterhält er sich mit einem Passagier und Kassieren geht auch nebenher. Er ist ein sehr gerissener Fahrer und schlängelt und drückt sich überall durch, egal wie knapp es zu sein scheint. Nachgeben ist nicht. Und natürlich hupt er auch, quasi ständig. Egal, ob eine Frau am Straßenrand steht (Weil er sie toll findet oder weil er ihr mitteilen will, dass in seinem Trufi noch Platz ist, obwohl alle Sitze schon belegt sind?), ein Hund über die Straße rennt oder ein anderes Trufi sich – genau so penetrant wie er selber – vor sein Trufi gedrängelt hat. (Kleiner Insider, sorry: Wenn ich selber fahren würde, würde ich ständig „Pchiu, pchiu, pchiu“ machen! ?) Tatsächlich bin ich schon hinter einem Trufi-Steuer gesessen! Als wir am Sonntag mit Pedro auf dem Weg zu unserem Willkommensgottesdienst in der Kapelle von Piñami Chico waren, ist ein Trufi auf einem Weg mit vielen kleinen Steinen stecken geblieben. Wir haben uns angeboten, den Wagen aus der Kuhle zu schieben. Ich wurde als die Schwächste ausgemacht und musste mir kurz das Auto erklären lassen und dann Gas geben und losfahren, während die anderen geschoben haben. Hat dann tatsächlich geklappt! Und wer kann schon von sich behaupten, dass er schon mal selber ein Trufi gefahren hat? Zwar nur ein paar Meter, aber egal.

Zurück zum Mitfahrer sein. Man sitzt da also drin, wird ordentlich durchgeschüttelt und muss schon fieberhaft überlegen, wo man genau aussteigen will und was der realistische Preis für die Strecke sein könnte. Man will ja nicht zu wenig geben und zurückgepfiffen werden, aber abgezogen werden genau so wenig. Und dann steigt die Aufregung ins Unermessliche. Man muss nämlich laut durch den ganzen Trufi rufen, wo und wann man aussteigen will. Ziemlich peinlich, wenn man sich da als Ausländer versprechen würde. Und dann, wenn man wirklich nicht mehr länger warten kann, überschlägt sich die Stimme und man vermischt alle möglichen Floskeln. Peinlich. Trotzdem bremst das Trufi ab und man muss bezahlen – Gebe ich dem Fahrer das Geld jetzt über seinen Kopf drüber noch vom Inneren des Trufis oder steige ich aus und reiche es durch das Fenster durch? Antworten auf all diese Fragen finde ich hoffentlich in diesem Jahr!

Nächster Punkt: TORTE 

Johanna hatte am Samstag Geburtstag und es war ein ziemlich voller Tag. Morgens gab es ein großes Frühstück und Kuchen Nummer eins aus dem Weck-Glas von Johannas Mama (hätte ich mich da mal zurückgehalten!). Später ging es dann in das Haus der Josefs-schwestern. Gemeinsam mit den Schwestern haben wir gekocht, mit allem drum und dran: Zwei verschiedene Kartoffelsorten, Avocado mit Bohnen-Erbsen-Eier-Füllung, Hähnchen, Palmherzen und Kochbananen (Liebe Grüße an alle mir bekannten bekennenden Bananenhasser; jedes Mal, wenn es die gibt, muss ich an euch denken!). Und zum Nachtisch Kuchen Nummer zwei. Zu diesem Zeitpunkt hätte man mich schon rollen können, und ich konnte nicht einmal alles aufessen, was auf meinem Teller lag! Mittags haben wir uns dann mit den Mincas (eine Art Jugendgruppe, die bei allen möglichen Aktionen hilft) und Aracely in Piñami getroffen. Da gab es die erste Torte des Tages: vier Biskuit-Lagen und schön viel Sahne-Butter-Creme verziert mit Schokolade und – für das gute Gewissen – eine einsame einzelne Einzelgänger-Erdbeere ;). Zum Glück habe ich ein Mini-Stück erwischt! Und abends ging es dann wieder zu den Schwestern zu einem Treffen der „Freunde von San José“. Als Willkommensgruß haben ein paar Frauen traditionelle Tänze vorgeführt und am Schluss gab es – wer hätte es gedacht – Torte Nummer zwei! Vollgegessen ging es für uns dann wieder nach Hause und direkt ins Bett.

Was mir zum Thema essen noch einfällt: In unserer Straße gibt es viele kleine Läden, in denen man eigentlich alles kaufen kann: Reis, Spülmittel, Obst und Gemüse, Kekse, Brot (Ich habe den Verdacht, dass wir viel mehr Brot essen als alle anderen. Die Verkäufer schauen uns immer ganz komisch an, wenn wir 8 kleine Wecken einkaufen und nicht mal zwei Tage später wieder da stehen!). Und das alles ist so günstig, dass wir beim ersten Einkauf ziemlich verwirrt waren: Als wir 4 Tomaten haben wollten, hat uns Doña Clara – aufgrund der Namensvetterschaft (sagt man das so?) der Laden unseres Vertrauens – nicht vier Tomaten eingepackt, sondern so viele Tomaten, wie man für 4 bolivianos bekommt, also bestimmt 10 Stück. Bis wir das gemerkt haben und wir auch nicht jedes Mal NEIN! rufen wollten, wenn jemand die ganze Tüte mit Gemüse vollgepackt hat, waren am Ende der Straße alle Hände und Taschen voll und wir versuchen immer noch, die Massen an Essen weg zu futtern.

Am Sonntag war dann wie gesagt unser Willkommensgottesdienst und wir wurden wieder sehr herzlich begrüßt, haben sogar alleine gesungen und wurden gesegnet. Danach ging es für mich leider wieder nach Hause:

Ein letzter Abschnitt: TEE 

Seit letztem Donnerstag schleppe ich nämlich ein paar hartnäckige Keime mit mir herum. Sonntag war das Hoch dieses Infekts – bestimmt, weil ich davor so viel Torte gemampft habe! – aber jetzt scheine ich über den Berg zu sein. Geholfen haben mir dabei viel Tee, ein paar Ibu, Tee, und Schlaf. Und Tee. Aber dass eine gute Ibu tatsächlich was helfen kann, wollte mir man hier nicht so richtig glauben. Hier eine Auswahl gut gemeinter Ratschläge: Tee mit Honig, Ingwer und Zitrone und viel Trinken; Ecalyptus-Tee, Eucalyptus-Umschläge, Eucalyptus-Sud ans Bett stellen; dubiose Creme über Nacht auf die Füße schmieren; noch viel dubioseres Pulver in den Tee geben; und mein persönliches Highlight: Eine Zwiebel über Nacht ins Zimmer legen, das saugt die Keime auf und am Morgen ist die Zwiebel schwarz. Diesen Ratschlag mussten wir durchführen, denn wir wurden von der Ratschlaggeberin persönlich dabei überwacht. Das Resultat: Unsere Wohnung hat den Vormittag schrecklich gestunken, die Zwiebel war nicht schwarz und ich nicht gesund. Jeder hat so seine Meinung, was ich am besten zu tun habe, das ist sehr interessant! ?  Natürlich sind alle sehr nett und fürsorglich, jeden Tag schaut jemand vorbei und fragt ob wir etwas brauchen und wie es mir geht. Pedros Mama Eli hat mir sogar während Clara und Johanna in einem Wasserpark waren – Ja, so warm ist es schon! – heiße Suppe, Reis und Hühnchen vorbeigebracht!

Den Umständen entsprechend geht´s mir gut! Ich lese viel, lerne das Vater Unser auf Spanisch und habe Zeit zum Blog schreiben. Das Visum ist in Arbeit – wenn wir es haben, erzähle ich, was wir dafür so alles machen mussten – und ab und zu schnuppern wir schon in unsere Projekte rein. Auch darüber möchte ich erst berichten, wenn alles in trockenen Tüchern ist und ich weiß, wie alles funktioniert!

Und eine Sache muss ich noch loswerden: Wir haben seit Samstag einen eigenen kleinen Kühlschrank! Juhuuu!

Liebe Grüße

Rahel

P.S.: Also das mit dem Newsletter funktioniert einfach nicht! Clara und ich zerbrechen uns schon den Kopf!

P.P.S.: Wer gerne ein Video vom Tanzabend sehen möchte, kann sich gerne melden!

Die ersten Eindrücke

Über den Wolken! Sogar mit den Anden im Hintergrund!

Frühstück im neuen Zuhause

Unser Barrio am km 11

„Willkomen Rajel & Chara“ in Pinami Chico

Blödsinn mit Schafen im Hintergrund

Babykatzen in Aracelys Garten!

Endlich da!

Mit dem Flixbus von Ravensburg nach Frankfurt fahren – Langstreckenfliegen von Frankfurt über Madrid nach Santiago de Chile – Flug nach Iquique, Chile und ein letztes Mal fliegen nach Santa Cruz, Bolivien – Seminar in Santa Cruz – 10 Stunden mit dem Bus (endlich!) nach COCHABAMBA! Was da so alles passieren kann, erfahrt ihr hier: 

Die große Reise 

Nach einem doch recht schmerzhaften und tränenreichen Abschied ging es für Clara und mich letzten Montag (11. September) dann endlich los auf die große Reise. Nach 8 Stunden Busfahrt, in der wir uns schon mal an das „Nix-Verstehen“ gewöhnen konnten – der Fahrer hat seeehr undeutlich geredet, sind wir mit viel Puffer in Frankfurt angekommen. Der war aber auch nötig. Wir zwei waren nämlich leicht überfordert mit dem vielen Gepäck und das ganze Herumlaufen wurde zur schweißtreibenden Herausforderung, aber trotzdem ziemlich lustig. Deshalb waren wir froh, als wir unseren Check-in-Schalter gefunden haben und das Gepäck bis zur Endstation Santa Cruz durchchecken konnten. Nach der Sicherheitskontrolle – ich musste meine Schuhe ausziehen, die dann eine extra Runde durch das „Durchleuchtungsgerät“ drehen durften –  haben wir vom BDKJ uns gefunden (Tabea & Sofia, Independencia, & Johanna, die mit uns nach Cochabamba geht). Außerdem war da noch eine ganz schön große Gruppe von Leuten in unserem Alter, die sich als die Freiwilligen vom BKHW (bolivianisches Kinderhilfswerk) herausstellen sollten, zu deren Flügen und Seminaren wir quasi „dazugebucht“ wurden. Um 19.25 ging dann tatsächlich der Flieger Richtung unbekannte Welt. Es war ganz komisch, als wir dann in der Luft waren: Kein deutscher Boden mehr für ein Jahr! Der Flug nach Santiago war eigentlich super. Das Essen war lecker, meine Nebensitzerin vom BKHW war total nett und die Filmauswahl war sehr beeindruckend – alles von Casablanca bis zum neuesten „Fast & Furious“, den ich mir natürlich sofort NICHT angeschaut habe… Nach ein paar Stunden Schlaf sind wir dann das erste Mal auf lateinamerikanischem Boden gelandet. Also rein theoretisch sollte dieses Umsteigen ja völlig problemlos funktionieren, weil wir ja rein theoretisch unser Gepäck bis Santa Cruz durchgecheckt haben. In der Praxis sind wir dann nach Chile eingereist – so richtig mit Stempel und Formular, haben unser gesamtes Gepäck gesucht, wurden komplett durch die Sicherheitskontrollen geschleust und haben alles nochmal aufgegeben (diesmal tatsächlich bis ganz nach Bolivien). Die anderen zwei Flüge über Meer, Anden und (Salz-)Wüsten waren geprägt von Durst, Müdigkeit und Zeitverschiebungsgerechne. Groß war dann natürlich die Erleichterung, als wir dann mit den meisten Habseligkeiten (bei Schokolade und guter deutscher Wurst waren die bei der Einreise ein bisschen skeptisch) und einem 30-Tage-Permiso in Santa Cruz angekommen sind. 

Seminar in Santa Cruz 

Vom Seminar will ich jetzt nicht allzu viel schreiben, sonst lest ihr in 3 Stunden noch. Allein die Fahrt zur Unterkunft könnte zwei Seiten füllen. Es war auf jeden Fall sehr aufregend und ein paar Mal war ich mir ganz sicher, dass wir jetzt sofort einen Unfall bauen. Verschwitzt und ausgelaugt haben wir dann Spaghetti in uns reingestopft und dazu irgendein bappsüßes Zuckerwasser getrunken (ich wurde zwar schon vorgewarnt, aber es ist wirklich ziemlich krass; manchmal waren die Getränke so dickflüssig wie Sirup). Santa Cruz liegt im Tiefland Boliviens und obwohl es hier ja gerade Winter ist, war es schon abends als wir gekommen sind ziemlich warm und tagsüber wirklich bollahoiß (also sehr sehr sehr heiß;) ) mit ganz trockenem, heißem Wind und ich war sehr froh über den großen Wasserspender im Haus. Am nächsten Abend standen alle getrieben vom Hunger und deutscher Pünktlichkeit wie bestellt um 19.00 vor dem Essenssaal. Das Essen war aber noch lange nicht fertig – erste Berührung mit der bolivianischen Gelassenheit. Am Abend kamen andere Freiwillige, die schon seit August hier sind, und sogar welche, die 2016 angefangen haben und jetzt ein halbes Jahr verlängern – im Moment noch recht unvorstellbar für mich! Und bei dieser kleinen Fiesta – ich kann jetzt den Salsa-Grundschritt! – habe ich eine Entdeckung gemacht: Ein Mini-Skorpion! (Nein, ihr braucht euch keine Sorgen machen; die gibt´s da nicht oft und die Biss-Gift-Stärke hätte nur der einer Wespe entsprochen. Außerdem liegt Cochabamba im Hochland, da sollte es generell weniger Tiere haben!) Am nächsten Tag sind wir alle zum Bus-Terminal gefahren. Alle haben sich verabschiedet, unser Bus ist als letztes gefahren. Mit unserer Mentorin Carmen haben wir „Cochabambinas“ ( Zoé, Julia, Teresa mit ihrer kleinen Tochter Laura, Tabea, Sofia, Johanna, Clara und ich) dann 3 Stunden im Busbahnhof verbracht. Und schon wieder haben wir uns die Pünktlichkeit ein bisschen zu sehr zu Herzen genommen: Unser Bus sollte um 20.30 losfahren. Um dreiviertel 8 hat sich ein Großteil der Gruppe kurz verabschiedet um Essen zu holen. Tabea, Clara und ich sind an unserem Platz geblieben und mussten auf eine nicht gerade kleine Menge Gepäck aufpassen. Um 10 nach 8, als immer noch niemand zurückgekommen ist, wurden wir ein bisschen nervös, besonders weil Clara zuvor gelesen hat, dass man spätestens eine halbe Stunde vor Abfahrt am Bus sein sollte. Als um exakt 20.17 (ich hab immer panisch auf die Uhr geschaut!) dann doch alle da waren, sind wir schnell durch den Bahnhof zu unserem Abfahrtspunkt gehetzt. Lange Rede, kurzer Sinn: der Bus ist dann um 21.40 losgefahren. Naaaja, jetzt weiß ich das auch:)

Ankunft in Cochabamba

Nach einer echt entspannenden Busfahrt mit riesigen gemütlichen verstellbaren Sitzen sind wir dann gegen 7 Uhr morgens im Bus-Terminal von Cochabamba angekommen. Nachdem alle ihr Gepäck aus dem Bus gefischt haben, wurden wir sehr herzlich von Pedro, Maria Luisa, Aracely und Don José empfangen, sogar mit selbsgebasteltem Schild mit Glitzer! Mit dem Taxi sind wir auf der großen Avenida Blanco Galinda bis zum Kilometer 11 gefahren und dann zum Kolping-Haus neben der Kirche Cruz Gloriosa, wo Johanna, Clara und ich den nächsten Monat oder vielleicht auch länger wohnen bleiben und haben gefrühstückt. Und da sind wir! Endlich am Ende der Reise angekommen! Seit drei Tagen wohnen wir jetzt hier, aber es fühlt sich an, als wären es schon drei Wochen. Es gibt so vieles zu entdecken und zu „verschaffen“ und so viele neue Namen und Gesichter. Nicht mal die Namen unserer drei Haushunde kann ich mir merken, nur einen: Hilde! Die ist nämlich die süßeste von allen. Apropos Hunde: Ich habe noch nie so viele streunende Hunde gesehen – Papa, du kannst dich auf was freuen! 😀 Bis jetzt war aber noch keiner arg aufdringlich. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass ich heute immer mit einem riesigen Stecken rumgelaufen bin. Wir waren nämlich Putzsachen kaufen wie richtige Hausfrauen und ich durfte den Besenstiel herumtragen. Was man hier auch super erstehen kann sind frische Früchte. Ich bin jetzt schon ein großer Ananas-Fan, die erste große ist schon verputzt. Gerade eben waren Clara und ich das erste Mal ganz allein einkaufen und wurden – meiner Meinung nach – gar nicht sooo arg übers Ohr gehauen.

Und da sitz´ich jetzt in meinem Bettchen, trinke Coca-Tee und fühle mich, muss ich sagen, sehr gut aufgehoben. Einerseits, weil ich glaube, dass ich echt nix Wichtiges vergessen hab, aber noch viel mehr, weil die Leute hier unfassbar nett und herzlich sind. Unser „equipo“ (Hermana Maria Luisa, Aracely und Padre José Luis) kümmern sich echt um uns, laden uns eigentlich jeden Tag zum Essen ein und sind einfach sehr lieb. Nachher kommen sie auf einen Tee und ein Schwätzchen über unsere Arbeit vorbei. Und auch alle anderen Leute, die wir treffen beim Einkaufen oder wenn Pedro uns durchs Barrio führt, sind sehr herzlich – so mit Umarmung und (angedeutetem) Küsschen auf die Backe – und freuen sich total. Besonders nett war es vorgestern bei den Bordadoras, den Stickfrauen. Da hab ich mich so richtig pudelwohl gefühlt. Sie haben uns übrigens überredet uns das Sticken beizubringen, also werde ich da bestimmt den ein oder anderen freien Nachmittag verbringen!

Das wär´s dann mal so fürs Erste!:) Ich könnte noch viel mehr erzählen, zum Beispiel vom Verkehr (da brauch ich aber echt noch mehr Erfahrung:D), aber bevor ich jetzt vom Hundertsten ins Tausendste komme, warte ich lieber noch, bis wir dann wirklich anfangen zu arbeiten!

Liebe Grüße ins herbstliche Deutschland (hier ist es manchmal schon richtig warm!)

Rahel

P.S.: Ein paar Bilder sollten theoretisch in der Galerie zu finden sein –  wenn nicht bitte melden! 😀

 

Hallo, ich bin´s!

Hallo zusammen!

 

 

Das hier ist also mein Blog über mein Jahr in Cochabamba, eine doch recht große Stadt in Bolivien. Herzlich Willkommen! Für alle, die mich nicht kennen und per Zufall hier her gelangt sind: Mein Name ist Rahel Hildebrand, ich bin 18 Jahre alt und wohne zur Zeit noch mit meiner Familie (meinen großen kleinen Bruder und mich sieht man übrigens auf dem Foto!) in Weingarten in der Nähe vom Bodensee. Vor zwei Monaten habe ich mein Abi gemacht und werde mich in genau 10 Tagen auf die große Reise nach Lateinamerika begeben und dort ein freiwilliges soziales Jahr absolvieren. Zum Glück aber nicht allein: Gemeinsam wohnen und arbeiten werde ich mit Clara Schwab, die auch aus Weingarten kommt, und Johanna Lieberth aus Bamberg. Genaue Details über die Arbeit gibt´s dann von dort!

 

 

Im Moment geht´s mir richtig gut, ich freue mich total auf alles (außer auf die Sache mit dem Visum: Wir reisen mit einem Touristenvisum ein und beantragen dann erst vor Ort das „Richtige“-verbunden mit wahrscheinlich unzähligen Behördengängen…naja). Nur die Sprache macht mir noch ein bisschen Sorge. In der Schule hatte ich zwar seit der 8. Klasse vier Stunden pro Woche Spanischunterricht, aber in der letzten Zeit war das jetzt nicht so mein Glanzfach. In der Hoffnung, dass es mir weiterhilft, habe ich mir jetzt schon zwei Filme auf spanisch angeschaut:). Auch sonst versuche ich, meine To-Do-Liste abzuarbeiten. Als brave Neuwählerin habe ich heute meine Briefwahlunterlagen abgeschickt-echt aufregend!-, war mal wieder auf der Bank und (ha!) arbeite mich ins Blog-Wesen ein (so was dauert bei mir nämlich immer länger, weil die Technik grundsätzlich nie auf meiner Seite sein will). Und dann muss ich noch mein Zimmer ausräumen und PACKEN! Zwei Gepäckstücke á 23 kg und ein Handgepäcks-Rucksack – mal schauen was alles mit rein darf!

 

Und dann geht´s bald los! So richtig kann ich immer noch nicht fassen, dass ich einfach für ein Jahr von hier abhaue. Mehr gibt es im Moment eigentlich nicht zu erzählen. Sobald wir angekommen sind und ich eine ruhige Minute finde, melde ich mich wieder!

Liebe Grüße aus Weingarten (noch!)

Rahel