Mehr als zweidrittel Mount Everest ohne Sauerstoffzelt!

Das war mein Ziel, als ich mich am Mittwoch vor Fronleichnam mit acht anderen Freiwilligen auf den Weg nach La Paz gemacht habe, um den 6088 Meter hohen „Huayna Potosí“ zu besteigen. Hier ist ja jetzt Winter, und in Cochabamba friere ich schon (zumindest früh morgens und abends), dementsprechend war La Paz um 6.30 eine echte Herausforderung. Um halb 9 hieß es für uns im Büro von „High Camp Lodge“ Equipment anprobieren: Dicke „Skistiefel“, mit Klett verschließbare Schienbeinschoner, Fließhose und -pulli, Funktionslatzhose mit passender Jacke, Sturmhaube, Handschuhe und Helm. Dazu gabs noch eine Kopflampe, einen Eispickel und so „Steigeisen“ zum an den Schuh schnallen. Das war ein echtes Chaos. Um 10 ging es dann in 3 Trufis und 11 anderen Verrückten los erst Richtung El Alto um genügend Wasser und Proviant zu kaufen. „Nehmt ganz ganz viel Schokolade mit!“ – Na gut, wenns uuunbedingt sein muss… 😀 Nach zwei Stunden Fahrt sind wir am „campo base“ auf 4700 m angekommen und haben erst mal was zu essen bekommen: Reis mit Riesenomelett. Da wurde gleich mal klar, dass wir ab jetzt jedes kleine Kohlenhydratchen brauchen werden. Mittags war dann „Einführung in das Gletscherwesen“ angesagt. Also alles außer Fließschicht an und an den Gletscherrand laufen. Dann haben wir gelernt, wie man sich an einem 30 – 45 – Grad – Hang am besten fortbewegt. Zum Schluss ging es dann eine 5 m hohe Eiswand hoch bzw. runter mit zwei Eispickeln in der Hand. Sofia (andere Freiwillige aus Bella Vista; für die paar Tage mein pareja; gleichzeitig mentale Unterstützung :D) und ich haben da eine richtig doofe Stelle mit Überhang erwischt und hingen ab und zu komplett im Seil und dachten, es geht nicht mehr weiter. Ging´s dann aber doch – irgendwie. Dann, das Ereignis des Tages: Alvar hat beide Eispickel im Eis, möchte einen rausziehen, unterschätzt die Kraft und schlägt sich einen dicken Riss in die Lippe, muss nach La Paz fahren zum Nähen, kommt aber am Freitag wieder zum campo base. Nach einem wieder sehr üppigen Abendessen ging es dann um 8 Uhr schon ins Bett: sehr ungewohntes Fronleichnam! 😀

12 Stunden später gab es Frühstück und nach einem anderen äußerst reichhaltigen Mittagessen ging es mitsamt allem Krempel (s.o.) los Richtung „campo alto“. Man stelle sich nun einmal die kleine Rahel mit vollbepacktem 60-Liter-Rucksack, an dem noch Helm, Eispickel und die dicken „Skistiefel“ dran hängen, vor. Es war kein Spaß! 2,5 Stunden, 430 Höhenmeter, einem Schokoriegel und mehreren Fast-Stürzen dank zusätzlichem Gewicht später gab es dann erst mal ein bisschen Tee mit wunderschöner Aussicht. Und dann kommt die Höhe. Der Kopf fängt an zu drücken und irgendwie hat alles einen weißlichen Schleier. Die erste Engländerin sitzt hinter der Hütte und kehrt ihr Inneres nach Außen in eine Schüssel. Das kann ja lustig werden morgen früh! Aber ich dachte, dass es mir auf 5130 Metern schlechter gehen würde. Nach einer kleinen Pause gab es dann um 17 Uhr Abendessen. Noch ein Höhenproblem: ich hatte einfach überhaupt gar keinen Hunger. Aber nichts essen geht ja auch nicht, wenn es 7 Stunden später schon wieder los geht. Also hab ich mir die Hälfte irgendwie reingezwungen. Dann wurden Teams gebildet: 2 Gletscherbesteiger auf einen guía. Sofia und ich haben Rodolfo gekriegt. Weil wir spanisch können. Jaaa, und dann war um halb 7 Bettzeit. Komisches Gefühl. Kopf drückt, alles tut jetzt schon weh vom Riesenrucksack, die Aufregung steigt und die Angst, dass man es nicht schafft, auch. So drei Stunden Schlaf habe ich aber trotzdem gehabt. Bis um 12 Uhr dann das Licht anging. Da kam dann schon der erste Adrenalinschub. Und die Höhe. Ein bisschen Übelkeit, Kopfweh des Todes, und mein ganzer Körper war irgendwie „lapprig“. Da hab ich die einzige Höhenkrankheitstablette des Ausflugs genommen. Und Coca-Tee getrunken. Essen war wieder eine Herausforderung. Ein halbes Marmeladebrot und ein kleines Stückchen Schokokuchen. Dann hieß es, alles anziehen, Schokolade, Wasser und Coca einpacken und im stockdunkeln los. Nach einer halben Stunde sind wir dann an den Gletscherrand gekommen und haben die Steigeisen angelegt und uns an Rodolfo „angeseilt“. Am Anfang waren wir zu viert, Alvars guía ist voraus gegangen um „eine schwierige Stelle zu sichern“. Hilfeee… Ganz langsam, Schritt für Schritt ging es dann los. Wir waren tatsächlich im oberen Drittel der Gruppe, das hätte ich nicht gedacht. Alle halbe Stunde war Wasser-, Schoko-, und Cocawechsel-Pause. Nach einer ziemlich beschwerlichen Tiefschneestelle, in der man nach jedem Schritt wieder zurückgerutscht ist, waren unsere guías der ersten 5 Grüppchen ein wenig gestresst. Wir konnten nicht auf die anderen warten, weil wir sonst den Sonnenaufgang auf dem Gipfel verpassen würden. Außerdem schien es, als wäre mindestens eine Gruppe wieder abgestiegen (Hat tatsächlich gestimmt! 3 Engländerinnen haben es nicht geschafft.) Also sind wir ohne die anderen weiter gelaufen. Wenn es davor beschwerlich war, wurde es jetzt mit jedem Schritt, jedem Höhenmeter unmöglicher. Jede Pause war unbedingt nötig, wenn auch nicht zu lang, weil es affenkalt und windig war. Und immer wieder die Frage „Wie hoch sind wir schon?“. Schlimm, wenn es dann heißt, 5600. Dann fehlen ja immer noch 588!!! Ab 5700 Metern war es einfach nur noch die Hölle. Irgendwann macht alles zu; die Muskeln, die Motivation, die Nase, der Kopf: „Es geht einfach nicht mehr, hör bitte auf!“ Aber Rodolfo war unerbittlich, Schritt um Schritt ging es dann doch weiter hoch. Auf 5800 Metern hieß es dann: „Leute, das ist die letzte Pause, ab jetzt gibt es keinen Platz mehr zum Hinsetzen!“. Auf einem dünnen Zickzackpfad ging es dann also weiter… 288 Höhenmeter ohne Pause. Und dann kam irgendwann die Wut. Ich hab nur noch vor mich hin geschumpfen – auf deutsch aber – und meine, die Anstrengungen sogar mit einer Geburt verglichen zu haben… (sorry Mama! :D) Egal, wie oft wir um eine kurze Pause gebettelt haben, wir mussten weiter gehen. Ich war wirklich ernsthaft am verzweifeln. Und dann sagt Rodolfo nach der bis dahin schlimmsten Stunde plötzlich: „Schaut mal, da oben ist der Gipfel!“ Und dann ging´s. Und dann ist man nach 5,5 Stunden Hölle auf 6088 Metern. Pünktlich zum Sonnenaufgang. Ohne Sauerstoffzelt. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich vor Anstrengung, Unglauben und Erleichterung kein kleines Tränchen verdrückt habe. Nach ein paar Fotos, einigen Schlucken Wasser und tausend „Danke“s an Rodolfo ging es dann auch schon wieder runter, weil die Gipfelfläche nicht wirklich groß ist und es eh viel zu kalt und windig war. Beim Runter wurde einem erst klar, wie weit man tatsächlich hochgekraxelt ist – unglaublich! Um 9 Uhr, genau 9 Stunden nachdem wir aufgestanden sind, waren wir wieder am „campo alto“. Und zwei Stunden später, nach viel Tee und zwei Löffeln Suppe – mehr ging einfach nicht! – wurde der Rucksack wieder voll bepackt und es ging zurück ins „campo base“. Da haben wir dann nochmal umgepackt und das ganze Equipment zurückgeben dürfen, juhu! Und dann wieder den ganzen Weg zurück nach La Paz im Trufi. Da waren wir glaube ich so gegen 3. Die anderen sind direkt wieder nach Cochabamba gefahren, weil sie Sonntag eine fiesta in ihrem Projekt hatten. Ich habe mir noch ein nettes Restwochenende gemacht und bin erst mal in ein Hostel eingecheckt und habe die erste – sogar richtig heiße – Dusche seit fast 4 Tagen genossen. Sonntag Mittag ging es dann wieder nach Hause. Dann die große Sensation: Auf dem Altiplano hat es GESCHNEIT! Das passiert nicht so oft. Deswegen sind wir dann auch erst mal 2 Stunden stehen geblieben. Um halb 1 nachts war ich dann wieder in meinem kuscheligen Bettchen.

Jetzt wisst ihr Bescheid. Ich habs wirklich geschafft. Wie genau, weiß ich nicht mehr. Das war auf jeden Fall die Grenzerfahrung schlechthin. Und jetzt, wo ich weiß, wie es ist, würde ich es auch wirklich nicht nochmal machen. Und trotzdem bin ich schon verdammt stolz!

Nächster Punkt: Mein Geburtstag. War ganz komisch. Am Anfang dachte ich mir nämlich immer: Wenn ich Geburtstag hab, dann ist das Jahr schon fast vorbei. Im Moment will ich aber noch einfach gar nicht über den Abschied nachdenken! Naja, pünktlich zu meinem Jubeltag hatte ich dann eine erhöhte Lipase und durfte keinen Kuchen und nichts Leckeres essen. Von Johanna und Clara habe ich ein Notizbüchlein mit Katze mit Brille bekommen (Kommentar von Clara: „Die Katze hat mich irgendwie an dich erinnert! Brille, Ringelpulli – und ich bin dagegen allergisch.“ :D), ein kleines, dickes Kuschelalpaka, Blumen und als Kuchenersatz Apfelmus. In Piñami hab ich dann Schokokuchen für alle gebacken und wurde als Dankeschön stürmisch umarmt. Noch ein Kommentar von Miguel, dem Ältesten der Projektgänger: „Wir wünschen dir alles Gute zum Geburtstag, jetzt bist du ja erwachsen. Das merkt man schon daran, dass deine Familie dich alleine hat her kommen lassen. Aber wir sind ja auch deine Familie. Wir hoffen, du hast einen schönen Tag.“ Da hätte ich fast wieder ein Tränchen verdrückt. Und abends beim ensayo war es auch noch richtig nett :).

Am Sonntag drauf hab ich dann eine kleine Feier veranstaltet mit Kuchen, Gelatina, Zitronenmousse von Bruder Edgar und Lasagne. Die Gäste waren auf halb 4 bestellt. Don Rogildo kam um halb 3. Der Rest ist gegen 5 nach und nach eingetrudelt… Da hatte ich mal wieder ein bisschen zu viel Vertrauen:D Aber es war trotzdem sehr schön. Und lecker.

Letzten Donnerstag, 21. Juni, war Feiertag anlässlich des Aymara-Neujahrs. Tradition ist es, nachts nach Cotapachi hinter dem Calvario in Quillacollo zu fahren, wo früher die Inca ihr Getreide gelagert haben, um dort auf einem Berg die ersten Sonnenstrahlen zu begrüßen. Muss man natürlich gesehen haben. Also um 4 los Richtung Cotapachi. Viel zu früh und viel zu kalt. Aber was tut man nicht alles. Da oben war natürlich die Hölle los, überall gab es Essen, Souvenirs und zu viele Betrunkene für meinen Geschmack. Und jede Familie macht ihr eigenes kleines Lagerfeuer. Bei dem von der Familie meines Tanzpartners vom Chacarera habe ich dann ein Würstchen und eine Tasse pappsüßen heißen Kaffee bekommen. Um dreiviertel 7, nach dem der neue Bürgermeister Quillacollos eine Ansprache gehalten hat und von vielen ausgepfiffen wurde (der alte, Anti-Evo-Bürgermeister wurde von der MAS einfach abgesetzt), war es dann so weit: Da haben es die ersten Sonnenstrahlen über die Bergspitzen geschafft. Frohes neues Jahr 5526! Um halb 9 war ich dann wieder im Bett und hab quasi den ganzen Tag verschlafen, bis es dann um halb 8 wieder zum ensayo ging.

Ansonsten lass ich mich gerade einfach so vom Alltagsstrudel ziehen. Es ist immer was los, aber nie zu viel. Pro Woche drei ensayos (ab Juli dann jeden Tag… oh oh), die Brüdermesse, am Wochenende Geburtstage oder Parrilladas oder anderes 😀 Mir geht’s einfach super! Die ersten zwei Juliwochen sind Winterferien (wenns allerdings noch kälter wird, wird einfach eine Woche dran gehängt! 😀 ). In der ersten Woche wollen wir jeden Tag Englisch geben und in der zweiten Woche müssen wir wahrscheinlich frei nehmen, da gibt’s nichts zu tun anscheinend. Mal schauen wo es mich hin verschlägt!

Liebe Grüße von der kalten Südhalbkugel

Rahel

P.S.: Die Bilder wollen heute nicht… Stellt es euch einfach sehr sehr spektakulär vor:D

Familiengeschichten aus Pinami

Hier kommt ein kleiner Einblick in die Familien, deren Kinder bei uns ins Projekt gehen/gegangen sind. Der erste Teil ist von Ende Februar, der zweite ein Update von Anfang Mai.

 

Familie Wanca – alleinerziehender Vater (Don Cesar), Eli (13 Jahre, taubstumm), Juana (8 Jahre, taubstumm), Israel (6 Jahre)

Die Vier wohnen an einem kleinen Bach etwas abseits der großen Straße, die nach Piñami führt, in einer kleinen Hütte mit einem zugemüllten Garten mit Wasserpumpe und meist angekettetem Wachhund. Die Nachbarn haben alle „große“ Häuser und reagieren verschlossen, wenn man nach der Familie fragt. Don Cesar ist Bäcker. Auf die Frage wie oder warum die Eltern sich getrennt haben, bekamen wir verschiedene Antworten. Aracely, unsere Chefin, die ihre Informationen natürlich direkt von Don Cesar erhält, sagt, dass die Mutter die Familie wegen eines anderen Mannes überstürzt verlassen hat. Hno José Luis, der in der Nähe der Wancas wohnt und somit viel in Kontakt mit den Nachbarn ist, hat mir erzählt, dass der Vater seine Frau geschlagen hat und sie deswegen abgehauen ist.

Wie ich ja schon im Blog beschrieben habe, mussten die Kinder über die Ferien in dem kleinen Zimmerchen bleiben, wenn Don Cesar beim Arbeiten war – was ziemlich oft der Fall gewesen sein muss. Wir haben die Kinder regelmäßig zu fast allen Tageszeiten mal besucht. Manchmal stand ein Brei oder gekochte Kartoffeln auf dem Herd, oft lagen aber auch nur ein paar alte Brote herum. Die Große, Eli, war meistens für sich und hat mit kleinen Püppchen gespielt oder gelesen. Die zwei Kleineren haben oft gerauft oder Israel hat sich unter einem der zwei Betten versteckt. Außerdem liefen oft Filme auf Englisch. Sonst hatte Israel keinerlei Kontakt zu „Sprechenden“. Da er ja auf dieselbe Schule wie seine Schwestern geht, kann er sich problemlos mit ihnen verständigen. Mit uns wollte er nie reden; dass mal ein schüchternes „Hola“ kam, war unser größter Erfolg.

Als wir Don Cesar dann endlich mal „erwischt“ haben, hat er uns versichert, dass er seine Kinder sofort in Piñami einschreibt, wenn die Schule wieder los geht. Eigentlich wollte er Israel dieses Jahr auch endlich auf eine normale Schule schicken, das hat aber irgendwie nicht geklappt und er geht ein weiteres Jahr auf die Taubstummenschule. Aber manchmal bekäme er Hilfe von einer Frau – er sagt, es sei nur eine Freundin, José Luis zufolge ist es seine neue „Lebenspartnerin“.

Leider sind die Drei bis jetzt noch nicht im Projekt aufgetaucht. Jede Woche geht jemand hin und schaut vorbei, aber der Vater ist nie da. Ingrid hat auch versucht, ihnen verständlich zu machen, dass sie einfach trotzdem vorbeikommen sollen, aber das wollten die Kinder nicht. Leider eine ausweglose Situation, wenn wir Don Cesar nicht antreffen. Aber ich frage mich, warum er seine Kinder nicht ins Projekt schickt. Da müsste er sich keine Gedanken machen, was seine Kinder mittags treiben und bei uns würden sie Essen bekommen, wirklich ihre Hausi machen und Israel würde endlich wieder in Kontakt mit anderen Kindern kommen und vielleicht richtig sprechen lernen. Dabei wirkt der Vater auf mich sehr verantwortungsbewusst und wirklich total nett und lustig. Mal schauen wie das mit den Wancas weiter geht!

 

Banias Familie – Mutter (ca. 30 Jahre), Bania (11 Jahre), 2 Jungs (7&9 Jahre), Chela (6 Jahre)

Von dieser Familie hab ich auch schon mal berichtet. Die Mama ist im September für 3 Monate nach Chile zum Arbeiten gegangen und die älteste Tochter musste sich um Haushalt und Geschwister kümmern. Eigentlich hatte die Großmutter ihre Hilfe zugesichert, aber die war nach 2 Wochen immer noch nicht da. Irgendwann hat sich dann die Tante ihren Nichten und Neffen angenommen. Erst waren wir total froh, dass die Kinder endlich jemanden haben, der auf sie aufpasst. Dann sind die Vier aber nach und nach immer weniger oft ins Projekt gekommen. Aracely hat die Tante angerufen. Die meinte, dass sie die Kinder nicht kontrollieren kann und die nur Blödsinn machen würden wenn sie nicht bei ihr wären. Na gut, dachten wir, die Jüngeren sind schon auch richtige Rotzlöffel wie man so schön sagt. Als die Mutter dann wieder da war, kam raus dass die Tante so überfordert war, dass sie die Kinder geschlagen hat. Die Mama ist dann auch zum Jugendamt gegangen und ich glaube, die Familie ist umgezogen oder die Kinder gehen auf eine andere Schule. Auf jeden Fall hab ich sie seitdem nicht gesehen.

 

Moises Familie – Mutter & Vater, berufstätige Schwester und Moises (13 Jahre)

Moises hat die Diagnose, dass er mit 15 Jahren alles vergessen wird, was er bisher gelernt hat. Er ist ein recht verhaltensauffälliger Junge (das hat sich seit dem letzten Jahr aber schon verbessert), aber trotzdem sehr liebenswürdig. In den Ferien kam er einmal mit dem Fahrrad vorbei und hat Aracely, Ingrid und mir erzählt, dass seine Mutter ihn nicht mehr ins Projekt schicken will. Am nächsten Tag bin ich mit Aracely natürlich gleich vor der Tür gestanden. Da haben wir ein bisschen gewartet und wurden von den drei grasenden Schafen davor eingehend betrachtet. Dann kam nach mehrmaligem Rufen die Mutter raus. Da sie nur ganz wenig Spanisch spricht, hat sich das ganze eher schwierig gestaltet. Irgendwie kam raus, dass sie Diabetes hat und überall starke Schmerzen. Aracely hat gefragt was denn der Arzt gesagt hätte und dass sie doch dessen Ratschläge befolgen soll, damit es ihr besser geht. Ein Satz, der mir von dem Gespräch besonders im Gedächtnis geblieben ist: „Ja Hermana, der hat gesagt ich soll keine Kartoffeln mehr essen, aber ich kann doch nicht auf Kartoffeln verzichten! Das gehört überall dazu und schmeckt auch so gut!“ Dass da aber doch was Wahres dahinter steckt und Kartoffeln bei Diabetes einfach nicht so gut sind, wollte sie nicht einsehen. Als wir dann auf das Projekt zu sprechen gekommen sind, hat die Frau direkt angefangen zu weinen, weil sie die 30 bs pro Monat nicht stemmen kann und auch sonst niemand aus ihrer Familie zum kochen oder putzen helfen vorbeikommen kann, weil alle im Haus gebraucht werden oder eine andere Arbeit haben. Ingrid ist dann nochmal hin – sie versteht Quechua – und Moises kommt jetzt doch wieder ins Projekt für „umme“. Ingrid meinte, die Mutter hätte sich total geschämt, als Aracely und ich da waren… Auf die Frage, was es denn daheim so zu essen gibt, hat Moises neulich geantwortet „morgens Brot und abends Hühnchen und Kartoffeln“ – da freut sich die Diabetes. Eine Mutter, deren Kinder auch ins Projekt gehen und die in der Nähe von Moises wohnt, hat Aracely gesteckt, dass seine Mutter sich bei jeder Gelegenheit – seien es Straßenfeste, Geburtstage oder einfach so – regelmäßig aufs Übelste betrinkt. Ich frage mich wirklich, was aus dem armen Jungen werden soll. Er hat ja auch keinerlei Berufschancen, wenn er mit 15 tatsächlich alles vergisst. Und daheim wohnen bleiben scheint ja auch nicht die richtige Option zu sein.

 

Die Hühnerzuchtfamilie – Vater & Mutter, älterer Bruder (17, kommt nicht ins Projekt), Dayané (13 Jahre alt), Elvis (10 Jahre), Magaly (8 Jahre), Jhazmin (6 Jahre)

An sich ist die Familie nicht direkt eine „Problemfamilie“, trotzdem will ich ein bisschen was erzählen. Dayané hat letzte Woche beim Fußballspielen einen Ball böse auf die Hand bekommen. Sie hatte starke Schmerzen. Da man zum Haus der Familie (mit gaaaanz vielen Hühnerställen neben dran) ca. eine Stunde braucht, haben Aymi (Aracelys ältere Tochter) und ich Dayané und all ihre Geschwister nach Hause begleitet. Auf dem Weg hat sie angefangen zu weinen und das Handgelenk ist richtig dick angeschwollen. Als wir dann endlich angekommen sind, hieß es erst, dass niemand da sei. Irgendwann kam dann aber doch der Vater und wir haben erzählt was passiert ist und dass er doch bitte mit seiner Tochter zum Arzt geht, weil das Gelenk so stark angeschwollen ist. Dann durften wir uns eine halbstündige Predigt anhören. Das einzige was Dayané jetzt helfen wird, sind Gebete und Vertrauen in Gott. Die im Krankenhaus zocken ihn ja nur ab (was natürlich irgendwie stimmt), aber die würden ja eh nur operieren und sonst nichts. Seine Schwester sei bei einem Taxiunfall die einzige gewesen, die überlebt hat, nur weil sie immer so viel gebetet hat. Das hat er uns dreimal hintereinander erzählt. Jetzt nicht falsch verstehen! Ich find das total super, wenn man so ein unerschütterliches Gottvertrauen hat, aber vielleicht wäre ein Arztbesuch doch nicht die schlechteste Idee gewesen? Wenn da irgendwas falsch wieder zusammenwächst oder sie eine ganz schlechte Schonhaltung einnimmt, hat das ja auch Folgen für ihr späteres Leben. Da ich letzte Woche dank Krankheit nicht im Projekt war, bin ich gespannt, was Dayané so erzählt und ob sie noch Schmerzen hat.

 

Zweiter Teil von Anfang Mai:

Die Wancas sind immer noch nicht aufgetaucht, wir reden aber auch gar nicht mehr über sie. Schade!

Banias Familie ist auch „verschwunden“.

Und der „Hühnerzuchtfamilie“ geht es gut, die Kinder kommen regelmäßig nach Piñami. Dayanés Hand scheint es auch wieder gut zu gehen.

Natürlich gibt es noch ein paar neue Geschichten.

 

Die Großfamilie.

Doña Elizabeth, um die es geht, hat drei Kinder, die ins Projekt kommen ( Mary (6), Adán (8), Noelia (13)). Sie leben zusammen mit ihrem Vater, den Eltern des Vaters, der Schwester des Vaters (Doña Nati), deren Mann und Kindern (Neymar (6) und Javier (8) – auch im Projekt) und dem kleinen Neffen David (8) in einem winzigen Hüttchen. Wer mitgezählt hat: das sind 12 Personen. Doña Elizabeths kleine Tochter Mary ist manchmal eine wirkliche Herausforderung, wenn sie sich beispielsweise komplett weigert, ihre Aufgaben zu machen oder sich offensichtlich gegen Regeln widersetzt. Wir haben uns schon oft gefragt, woran das liegen mag, bis Aracely uns neulich die Antwort geliefert hat: Als Mary klein war, hatte die Familie eine finanzielle Notlage und Doña Elizabeth sah keine andere Möglichkeit als mit Drogen zu handeln, wurde erwischt und war einige Zeit im Gefängnis.

Bis Mitte März war sie schwanger. Wenn Schwangere hier in Bolivien regelmäßig zu Kontrollen in die kleineren Praxen vor Ort gehen, erhalten sie jedes Mal einen „Fresskorb“ mit Milchpulver, Vitamintabletten, Keksen etc.. Komischerweise war Doña Elizabeth die letzten Monate ihrer Schwangerschaft nicht mehr bei den Kontrollen. Vortag der Geburt: Um neun Uhr abends haben die „richtigen“ Wehen begonnen. Doña Nati, ihre Schwägerin, hat wortwörtlich gesagt: „Sie hat die ganze Nacht das Haus zusammengeschrien.“ Das Kind wurde um 4 Uhr morgens geboren. Um kurz nach 9 sind die zwei Ärztinnen aus dem Centro de Salud neben Piñami ins Haus der Großfamilie gehetzt, als sie von der Geburt erfahren haben. Bis dahin, also 5 Stunden, lag das Neugeborene ungewaschen und nackt auf dem Bett, war eiskalt und hat kaum noch geatmet. Die Mutter konnte ihre Beine nicht mehr bewegen, wollte aber ihr Kind selber waschen. Sie selbst auch lag ungewaschen und eben unbeweglich auf ihrem Bett. Die Ärztinnen haben dann sofort einen Krankenwagen gerufen. Mutter und Kind mussten dort zwei Tage bleiben, sind jetzt aber beide längst wieder wohl auf. Das ist einfach so eine Geschichte, wo ich gar nicht weiß warum sie überhaupt passiert ist. Wäre Doña Eizabeth zu den Kontrollen gegangen, hätte man vielleicht feststellen können, dass Komplikationen auftreten könnten und man hätte die Geburt im Krankenhaus „durchführen“ können. Während den Wehen waren außerdem bereits zwei Mütter vor Ort und müssen doch eigentlich gemerkt haben, dass irgendwas nicht stimmt. Warum haben sie denn keinen Krankenwagen gerufen? Und warum hat Doña Elizabeth ihr Kind nicht von jemand anderem waschen und anziehen lassen? Fragen, die ich mich nicht traue zu stellen… „Das Kind“ ist übrigens ein Junge, zuckersüß, hat aber immer noch keinen Namen.

 

Juan David

Juan David ist 10 Jahre alt. Vor einigen Jahren ist seine Mutter mit ihm nach Argentinien vor seinem Vater abgehauen. Dort hat sie einen neuen – nennen wir es mal Lebenspartner – gefunden und mit ihm eine Tochter bekommen. Hört sich eigentlich ganz idyllisch an, ist es aber nicht. Um Juan David hat sich nämlich niemand gekümmert, nicht mal darum, dass er in die Schule geht. Außerdem wurde er vom neuen Mann regelmäßig geprügelt und seine Mutter hat nichts dagegen unternommen. Ende letzten Jahres sind die Mutter und ihre zwei Kinder wieder hier her gekommen. Die einzigen, die sich ein bisschen um ihn gekümmert haben, sind seine Tante und sein Onkel, deren Kinder Camila und Andrés auch ins Projekt kommen. Sie bemühten sich auch um einen Schulplatz für ihren Neffen, das hat aber nirgendwo geklappt weil der Altersunterschied zu groß sei; die „normalen“ Erstklässler sind ja erst 6. Trotzdem kommt Juan David seit Februar nach Piñami und wir versuchen, ihn ein bisschen zu fördern. Die Zahlen von 1-20 kann er schon. Bald soll er auf eine Abendschule gehen. Aracely hat oft mit seiner Mutter geredet, vor allem weil sie von Tante und Onkel immer wieder gehört hat, dass das mit dem Schlagen wohl nicht nur am argentinischen Partner liegt… Der Junge ist ganz ganz lieb, sehr gewissenhaft, aber auch sehr unsicher, versteht keine Witze und man merkt einfach, dass seine Kindheit keine richtige Kindheit war. Seit 3 Wochen ist seine Mutter mit der Schwester wieder in Argentinien und Juan David lebt bei seiner Großmutter. Und so fies es klingt, er wird jeden Tag mehr wie ein „normaler“ 10-jähriger Junge. Letzte Woche zum Tag der Arbeit haben wir über unsere Traumberufe gesprochen und Juan Davids großer Wunsch ist es, Fußballprofi zu werden (so wie 80 Prozent der Jungs auch… 😀 ).

 

Doña Benignas Familie: ihr Mann, sie selber, älteste Tochter (kenne ich nicht), Vilma (15), Felix (13), Junge, dessen Namen ich nicht mehr weiß (ca. 10), Josue (6), Helen (5) und nochmal zwei kleinere Kinder. Die Familie hat große finanzielle Schwierigkeiten. Die 5 mittleren Kinder sind zeitweise ins Projekt gekommen. Sie haben immer viel vom übrigen Essen mitbekommen und wenn mal ein Pulli eine Woche rumlag und niemandem gehört hat, wurde er auch immer diesen Kindern mitgegeben. Dann so Anfang März ist das Geld so knapp geworden, dass die Kinder keine Schuluniformen mehr hatten, weil die Mutter gezwungen war, alles zu verkaufen. Die Schule „Oscar Alfaro“, aus der die meisten Kinder kommen, hat zum Schuljahresbeginn einen neuen, sehr strengen Direktor bekommen, der darauf wert legt, dass jeder Schüler in Uniform kommt. Die Kinder wurden dann einfach nicht mehr in die Schule gelassen. Als Aracely das mitbekommen hat – die Kleinen hatten auf wundersame Art und Weise einfach keine Hausaufgaben mehr – ist sie zu einem Gespräch mit dem Rektor an die Schule gefahren, um ihm die Situation zu erklären. Auf die Frage, ob Doña Benignas Kinder nicht ohne Uniform kommen können, hat sie aber nur den Vorwurf zu hören bekommen, warum sie denn nicht längst die defensoria, so eine Art Jugendamt, alarmiert hätte. Dann stand zur Diskussion, ob das Projekt die Schuluniformen stellt, dagegen haben sich dann aber alle entschieden, weil eben nicht sicher wäre, ob die Mutter die neuen Uniformen wieder verkauft. Jetzt ist die Familie weiter weg gezogen und die Kinder kommen nicht mehr, weil der Weg zu weit wäre. Oh man…

Und dann gibt es noch zwei Familien – oder halbe Familien – bei denen sich die Mutter vom Vater trennen will, sie es sich aber aus finanziellen Gründen nicht leisten kann. Es wird viel gestritten und regelmäßig muss ein Mädchen bei uns weinen. Die Mütter arbeiten viel und hart, um endlich ausziehen zu können. Ich bin gespannt, wie das weiter geht und ob es irgendwann klappt.

Und dann ist einfach immer wieder schön zu sehen, dass Piñami ein „sicherer Ort“ ist, und die meisten Kinder wirklich erzählen, was ihnen auf dem Herzen liegt, worum sie sich Sorgen machen oder was sie gerade nervt. Daheim geht das ja anscheinend nicht, wenn die Eltern nur mit sich selbst beschäftigt sind.

Nach der Geburt von Doña Elizabeth kam David, ihr ältester Sohn, zu mir und hat mir ins Ohr geflüstert: „Hermana, ich will mal keine Kinder kriegen, das ist sooo eeekelig!“

In diesem Sinne

Liebe Grüße aus dem barrio

Ein bisschen was zum „Gringa-Sein“

Wir sind wieder schön im Alltag drin, bald kommt die gefürchtete Halbzeit und ich fühl mich einfach super wohl hier. Aber so richtig viel „Neues“ zu berichten gibt es nicht. Deswegen jetzt einfach ein bisschen was zum „Offensichtlich-Ausländer-Sein“.

Ethnische Diversität gibt es hier rein oberflächlich gesehen nicht wirklich. Deswegen sticht man da als junge, hellhäutige Blondine – oder besser noch drei davon – sofort aus der Masse und wird ordentlich abgescannt. Entweder bleibt es dann dabei und man läuft einfach weiter oder man wird in ein Gespräch verwickelt, woher man den komme und was man hier mache. Wenn es sich dann noch um einen männlichen Gesprächspartner handelt und dieser heute einen guten Tag hat, wird man manchmal noch nach der Handynummer gefragt. Das kann ich inzwischen ganz gut mit Sätzen wie „Oh die weiß ich grad leider gar nicht auswendig!“ oder so verhindern.

Ganz besonders toll ist es aber, wenn ein Auto an einem vorbei fährt und man dann Pfiffe zu hören kriegt. Das geht schon so weit, dass Clara manchmal schon bei Vogelgezwitscher die Augen verdreht. Oder die Insassen rufen aus dem Fenster Dinge wie „Choquita“ (so was wie „kleine Blonde/Helle). Ach echt? Da wär ich jetzt ohne deine Hilfe gar nicht drauf gekommen, dass ich BLOND bin! Dankeschön! Ab und zu kriegt man auch ein „Princesa“ (also Prinzessin) zu hören – dann aber gleich von und zu Casterlystein bitte! 😀 Inzwischen hab ich mir da aber ein ganz gutes Fell zugelegt und kann die meisten Zurufe ignorieren. Einmal hat es mich aber richtig aufgeregt: Da war ich schon drei Tage krank, ungewaschen und total fertig – also null attraktiv oder begehrenswert – und wollte nur schnell ein paar Bananen kaufen gehen. Und dann pfeift jemand aus dem Auto raus und ich dachte mir nur NEIN!!!

Wie wir oder viele Hellhäutige auch beizeichnet werden, ist „Gringo/a“. So werden schon ganz lang die Amerikaner genannt. Das Wort kommt anscheinend vom Grün (green) der Dollarscheine. Und bis jetzt hatte es für mich immer eine negative Konnotation. Deswegen finde ich es als Deutsche immer ein bisschen beleidigend… ich möchte nicht mit Trumpwählern in einen Topf gesteckt werden! Statt gringo/a kommt auch oft ein einfaches „helloooo!“. Menno! Vielleicht kann ich gar kein Englisch und will viel lieber Spanisch reden?

Und in jeder solchen Situation wird mir bewusst, wie privilegiert und „besser dran“ wir sind, als viele andere Menschen hier und dass das durch unser Aussehen jedem vor die Nase gehalten wird. Egal wo wir sind, egal ob „typisch Ausländer“ beim Reisen oder nur beim Klopapier kaufen die Straße runter, wir stechen immer raus. Egal ob wir erst zwei Wochen, 1 Jahr oder unser Leben lang hier wohnen. Egal, wie gut unser Spanisch ist oder auch nicht. Egal ob wir Freunde oder Hobbys haben und an sich gut integriert sind. Das macht mich manchmal ein bisschen traurig, aber ändern kann ich an der Situation ja auch nicht wirklich viel.

Das hört sich jetzt alles sehr negativ und schlimm an, aber wie gesagt, mein Fell wird jedes Mal dicker und ich fühle mich ehrlich wohl hier. Und ich könnte noch viel mehr schreiben oder alles noch viel besser und korrekter formulieren, aber das geht mir halt so manchmal durch den Kopf. Ich hoffe ich habe keinen fatalen politisch inkorrekten Fehler gemacht. Sonst: Entschuldigung!

Morgen ist Halbzeit und ich habe ein bisschen Angst. Die erste Hälfte ging so schnell rum, ich will gar nicht wissen wie schnell es bei der zweiten geht. Aber ich will jetzt auch gar nicht schon ans Heimgehen denken! Ich habs ja letztes Mal schon mal gesagt: Bald kommt Besuch und die Reisepläne stehen so halb und ich kanns kaum erwarten! 😀

Liebe Grüße ins bitterkalte Deutschland (im Moment haben wir angenehme 23 Grad, hihi)

eure Rahel

Feliz Año Nuevo

Meine Tante hieß auch Töle. Töle war ne tolle Tante. Wir nannten sie auch tolle Tante Töle.

Hallo mal wieder! Aufgrund verschiedener Netzwerk-Probleme (das W-Lan hat so seine ganz eigene Persönlichkeit) melde ich mich erst jetzt wieder. Wir haben die Vorweihnachtszeit, Weihnachten und den Jahreswechsel gut rumgebracht und davon erzähl ich jetzt einfach ein bisschen:

 

Vorweihnachtszeit

Im letzten Eintrag hatte ich ja von unserer „Colonia navideña“, den Spiel-und-Bastelmittagen, erzählt und ich war dann doch froh, als die zu Ende gegangen sind. Hauptsächlich haben wir gebastelt. Sternchen, Schneeflocken, Weihnachtskarten und Deko für die Weihnachtsmesse. Der Hauptbestandteil der Basteleien war Glitzer in allen erdenklichen Farben, auf den sogar sämtliche Jungs total abgefahren sind. Manchmal finde ich jetzt noch welchen in meinen Hosentaschen oder so. In der zweiten Woche haben wir dann fleißig geprobt für das Krippenspiel und den Chor für Heiligabend. Auch diese Tage waren sehr intensiv, aber als alle Rollen geklärt waren (zwei Mädels als Maria und Josef und unser Engel ist mit seinen Federflügeln die ganze Woche glücklich durch die Kirche geschwebt) hat dann doch alles irgendwie geklappt. Johanna, Clara und ich durften die drei Könige sprechen – gespielt haben die Kleinen – weil ausländische (oder halt deutsche) Akzente gebraucht wurden…

Ein anderer großer Punkt – den hab ich auch schon angesprochen – war das Tanzen für das Gemeindefest in Piñami. Auch das haben wir erstaunlich gut gemeistert (finde ich zumindest! 😀 ). Ich war sogar eine der „guías“, musste oder durfte – wie man´s nimmt – als erste der mittleren Reihe tanzen. Da war ich dann doch ein bisschen nervös. Ganz am Anfang ist mir dann auch erstmal der Rock quasi runtergefallen, nach einigen Sicherheitsnadeln mehr von einer netten Mutter ging´s dann aber wieder. Und natürlich mussten wir uns ein paar Kommentare von Seiten angetüdelter männlicher Personen anhören, aber ansonsten hat es echt total Spaß gemacht – vor ein paar Monaten hätte ich mir das echt noch nicht vorstellen können. Wen interessiert zu welcher Musik wir getanzt haben: https://www.youtube.com/watch?v=f0V5EAVqh40 Den Text „Jaaa, ich komme aus Bolivien!“ haben wir immer aus vollem Hals mitgesungen… Hups 😀 Nach dem Umzug waren wir erst ein bisschen Fotoattraktion und dann kam erst der ganz große Auftritt: Jede Gruppe hatte sich noch eine Choreo ausgedacht um sie der Marienstatue von Piñami vorzutanzen (und den unzähligen Menschen drum herum…). Zu zehnt haben wir uns dann mitten auf den Platz gestellt und angefangen. Und dann ging mittendrin einfach die Musik aus! Da konnten wir aber auch schon nicht mehr aufhören und haben´s knallhart ohne Begleitung durchgezogen… Auf jeden Fall können wir jetzt Saya tanzen! Die Ausrüstung kommt auf jeden Fall auch mit nach Deutschland!

 

Weihnachten

Wie das Immunsystem es so wollte lag ich am 23. Dezember mal wieder mit einem Fieberchen im Bettchen. Juhu. Deswegen war am 24. dann auch nicht so viel geplant – außer Kärtchen schreiben und unsere Bredla zum Verschenken in Tüten packen. Mit Johannas Besuch aus Bamberg (Elias) sind wir dann auf halb 8 nach Piñami losgezogen.

Kurzer Exkurs zur geschmackvollen Weihnachtsbeleuchtung, die auch ihren Weg in die Kirche gefunden hat. Auf den großen Plätzen befinden sich große Drahtgestelle mit Stoff drüber. Weihnachtsmann auf Schlitten mit 4 Rentieren? Gar kein Problem! Es gibt eigentlich alles, was man sich so vorstellen kann. Drum herum hängen dann unzählige Lichterketten, blinkende Glöckchen und lachende Sterne. Mein persönliches Highlight aber sind und bleiben Lichterketten, die in den verrücktesten Farben blinken und dazu LIEDER SPIELEN. Zwei von denen hängen auch um den Plastik-Christbaum in der Kirche. Wenn die gleichzeitig an sind und spielen, ist das riiichtig schön! Während dem Godi war die Liederoption aber ausgeschalten und wir konnten in Ruhe das Krippenspiel machen. Kurz vor 8 kam aber José Luis noch zu mir und hat mich ins Haus der Brüder geschickt zum Messwein holen, der sei ausgegangen. Ich hab mir nicht viel dabei gedacht, musste mir dann aber doch das Lachen verkneifen, als Marco mir in das kleine Glasgefäß Weißwein aus dem Tetrapack gefüllt hat!

Die Messe und auch das Krippenspiel haben reibungslos funktioniert, wir haben brav gesungen und unsere zwei Sätze fehlerfrei ins Mikro gesprochen. Gegen halb 10 sind wir dann weiter zum Essen ins Haus des Diakons Don José von Cruz Gloriosa gegangen. Er ist der Papa von Beatriz und das Haus war voll mit ganz lieben Tanten und Onkeln, mit denen wir die typische Suppe „Picana“ verspeißt haben. Um 12 haben sich alle umarmt und sich Frohe Weihnachten gewünscht, dann gabs Geschenke. Meine schönsten Geschenke waren ein zweiter Spätzlehobel mit Spätzlemehl und Spätzlesschöpfer von daheim (Danke Mama!) und ein Glas Saure Gurken von Johanna. Ziemlich spät und erschöpft sind wir dann ins Bett gefallen. Allerdings nicht für lang: Zum nächsten Mittagessen waren wir nochmal beim Diakon eingeladen – diesmal gabs ganz klassisch Hühnchen mit Reis und Kartoffeln. Mit Essen ging´s dann auch weiter am 26. Dezember (der ist hier gar kein Feiertag!) bei den Schwestern: mit Schwein und Rosinen gefülltes Hühnchen, Kartoffelpüree und warmes Apfelmus.

 

Silvester

Johanna und Elias sind nach Weihnachten nach La Paz gefahren, Clara und ich waren also gaaanz allein! Wir haben an Silvester schön lang ausgeschlafen und sind nachmittags dann ein bisschen in Quillacollo rumgelaufen, haben lecker gegessen und haben uns durch die Straßen gepresst. Jeder hatte nämlich sein Ständchen und wollte Geldscheine zum Zählen um zwölf oder Unterwäsche in gelb oder rot (und natürlich noch ganz viel mehr) verkaufen. Ein bisschen „verhockt“ sind wir dann noch neben einer Versteigerung. Die gibt’s hier recht oft, auch bei Straßenfesten oder so. Und es gibt alles von Actionfiguren über Totenköpfe bis hin zu glitzernden Marienfiguren für recht wenig Geld. Die Familie neben uns ist nach einer halben Stunde um besagten Totenkopf, eine Comicfigur und einen Riesenpapagei reicher heim gegangen. Um 11 sind wir dann ins Haus des Diakons gegangen und haben gemeinsam mitsamt kompletter Familie den Jahreswechsel erwartet. Die Stimmung war ausgelassen, besonders als eine Tante für alle Haarreifen mit Glitzerhütchen und Glitzer-2018 oben drauf ausgepackt hat. Um 12 haben wir dann12 Trauben verspeist und falsche Dollars gezählt, das soll reich machen. Clara und ich haben dann drauf bestanden einen Blick nach draußen zu werfen, aber hier feuert man anscheinend nicht so gern wie in Deutschland. An Neujahr waren wir dann – wer hätte es gedacht – wieder beim Diakon eingeladen. Es war wieder die ganze Familie versammelt und einfach richtig nett. Don José stand am Grill und hat Unmengen an Steak und Würstchen verteilt. Leckerschmecker. Wir haben in den letzten Tagen ganz bestimmt ziemlich zugenommen…

Natürlich spielt an diesen Festchen auch Alkohol eine nicht unbedeutende Rolle. Ein kleiner Auszug eines Gesprächs zwischen einer Großtante und ihrem Mann, den ich jetzt einfach unkommentiert wirken lasse:

Großtante: Also, was willst du trinken zum Essen? Cola oder Sprite?

Ihr Mann (mit völlig ernstem Blick): Whisky.

So, das ist jetzt mal wieder ein bisschen mehr geworden, aber ich kann mich auch erst wieder im Februar melden. Morgen kommen drei Mädels vom BDKJ Würzburg, die in Santa Cruz arbeiten, und am 5. Januar geht’s dann zusammen weiter nach La Paz zu Johanna und von da aus stehen auf jeden Fall der Titicacasee und die Salzwüste auf der Liste. Juhu! Ende Januar haben wir in Santa Cruz unser Zwischenseminar und dann geht auch der ganz normale Alltag wieder los.

Mir geht’s einfach gut hier und ich freu mich auf die Reiserei. Auch das große Weihnachtstief, vor dem man uns gewarnt hat, ist nicht wirklich eingetroffen. Obwohl ich „Drei Nüsse für Aschenbrödel“ schon vermisst hab… 😀

Liebe Grüße ins kalte Deutschland

Eure Rahel

Ein Motiv unserer Kartenproduktion, die wir brav an alle möglichen Leute verteilt haben

Kleine Pause beim Tanzen

Nahe dem Nervenzusammenbruch nach drei Stunden Bredla backen und verzieren mit 20 Kindern

Die Krippe in der Kirche mit singender Lichterkette

An Heiligabend beim Diakon

Advent, Advent, ein Lichtlein brennt

…und hier gibt´s einen kurzen Überblick über das, was hier so passiert und noch ansteht!

Jetzt ist es Dezember und ich kann kaum glauben, dass schon wieder ein Monat rum ist! Das liegt wahrscheinlich daran, dass gerade richtig viel los ist und wir immer was zu tun haben. Am Donnerstag war der letzte Schultag und wir haben in Piñami einen Musikwettbewerb veranstaltet (Wer „unser Lied“ hören möchte – ich kann´s nur empfehlen?: https://www.youtube.com/watch?v=ttyviOjuTMU). Clara und ich haben uns auch eingebracht; mit Blockflöten – und uns bei „Kling, Glöckchen“ verspielt, hups… Freitags war dann der letzte reguläre Tag und zur Feier des Tages gab es von Doña Giovi selbst mariniertes „Pollo al horno“. Hühnchen kann hier einfach irgendwie jeder super lecker zubereiten. Mittags fand dann der große „Concurso de baile“ (Tanzwettbewerb) statt, für den alle seit 3 Wochen fleißig geübt haben. Die zwei Stunden davor habe ich hauptsächlich mit Haare flechten verbracht und bin jetzt wieder voll in Übung! Mit den Kleinen haben wir uns hart den Tanz zu „Sapito“ erarbeitet (auch hier wieder große Musikempfehlung: https://www.youtube.com/watch?v=mrxTQZW9b08&pbjreload=10) und in der Kategorie „Peques“, also die Kleinen, haben wir sogar gewonnen! Bei einer einzigen Darbietung in dieser Kategorie war das aber auch nicht sooo schwer…

Außerdem steht seit Dienstag jeden Abend anderthalb Stunden Tanztraining an. Nächstes Wochenende ist in Piñami Kirchen- und Wohnviertelfest, wo wir „Saya“ mittanzen werden. Bis jetzt sind die Schritte noch machbar, aber wir haben noch eine Woche um noch mehr Pasos zu lernen. Ich bin ein bisschen nervös. Ab Montag ist Inventur mit Ingrid und Aracely angesagt. Und die zwei Wochen vor Weihnachten bereiten wir unter der Woche für die Kinder Bastel- und Spielnachmittage vor, damit sie nicht nur daheim sind. Viele ältere Schüler gehen in den Ferien auch arbeiten, um ihre Eltern zu unterstützen. Hoffentlich finden sich ein paar Interessierte, damit ich das 50-Zettelspiel nicht umsonst vorbereitet hab…

Nächsten Sonntag ist außerdem Gemeindefest in Cruz Gloriosa, bei dem die Firmlinge mittanzen – das lassen wir uns natürlich nicht entgehen! Ein Mini-Riesenrad und die üblichen Tischkicker dafür sind schon längst aufgebaut und manchmal gehen wir abends mit Diego, Beatriz Sohn, auf eine Partie rüber. Gerade scheint auch die Zeit für Erstkommunionen und Firmungen zu sein. Letzten Sonntag wollten Clara und ich uns die in Piñami anschauen. Normalerweise fängt der Gottesdienst dort um 8 Uhr an. Was uns aber niemand gesagt hat, war, dass die Erstkommunion erst um 9 los ging. Juhu! Dafür haben wir dann im Spontan-Chor mitgesungen und das Geschehen hautnah miterlebt. Die Kommunionkinder, mit denen wir ja auch schon mal einen „Besinnungs-Tag“ verbracht haben, bekommen ihre erste Kommunion hier ganz „normal“ wie die Gemeinde auch. Also ganz anders als in Deutschland. Und ein paar Kleidchen haben mich doch sehr beeindruckt. Die Firmlinge von Cruz Gloriosa sind dann am 17. Dezember dran.

Fest eingeplant sind wir auch schon im Weihnachtschor von Piñami und JEMAND sollte noch mit den Kindern, die zu unseren „Weihnachts-Bastel-Spiel-Tagen“ kommen, auch noch ein Krippenspiel vorbereiten. Wie ihr seht haben wir alle Hände voll zu tun – ich find´s super und freu mich schon sehr auf die Vorweihnachtszeit! Ein paar Grillfest-Einladungen sind auch schon bei uns eingegangen und ich bin mal sehr gespannt, bei welchen Familien wir über die Festtage reinschnuppern dürfen. So ein richtiges Weihnachten ohne Familie und kalt kann ich mir einfach noch gar nicht vorstellen.

Das erste Lichtlein brennt ja schon fast und ich wünsche allen eine wunderschöne, schneeige, christkindlesmarktige, vor-dem-Ofen-sitz-Adventszeit mit ein paar ruhigen Momenten und ganz wichtig natürlich: ganz viel leckeren Bredla, gell! (Eiweiß mit der Hand schlagen ist übrigens echt anstrengend; ich kann da seit Neuestem aus Erfahrung sprechen!)

Liebe Grüße

Rahel

Alex aus Weingarten kam übers Wochenende hier vorbei und wir haben es endlich geschafft, auf den Cristo zu gehen!

Die Gewinner beim Tanzwettbewerb – JUHUUU!

Johanna hat sich an den Tanz „Tinku“ gewagt

Das „Spontan-Chörchen“ für die Erstkommunion

Für 50 Kinder Kekse backen? Kein Problem!

Das Visum ist da!

Vor ein paar Tagen auf der Cancha – super leckeres Kokoseis!

Ein bisschen dunkel, aber so sieht´s in der Migración aus. Wer entdeckt den Bildschirm?

Unsere Visumbelohnung – leckere Alfajores auf der neuen Tischdecke! Der Schonmonat ist vorbei!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es folgen Geschichten von der Visum-Jagd! (Achtung, es wird ausführlich und dramatisch;)! Für alle die nicht viel lesen wollen: Wir haben das Visum, es hat schlussendlich alles geklappt. Einfach zum letzten Abschnitt runtergehen!) 

Gleich am ersten Samstag in Cochabamba werden wir an den Plaza Colón bestellt. Nachdem wir dann nochmal eine halbe Stunde durch die Stadt geirrt sind, sitzen wir mit Carmen und den anderen Cochabamba-Freiwilligen 2 Stunden in einem Kopier-Foto-Mach-Laden rum. Da werden massenhaft Passfotos von jedem geschossen und alle Reisepässe mehrfach kopiert.  

In der darauffolgenden Woche unternehmen wir eine hektische Reise durch Cochabamba, gemeinsam mit einem Herrn, der sich um all unsere Unterlagen gekümmert zu haben schien. Zuerst ging es in ein riesiges Gebäude – so richtig verstanden, wo wir genau sind, hab ich nicht. Bei einer Empfangspolizistendame bekommt jede von uns zwei Zettelchen in die Hand gedrückt. Dann werden wir in einen großen Raum mit vielen anderen Wartenden geführt. Überall hängen große Bildschirme, auf denen genau solche Nummern zu sehen sind, wie wir in der Hand halten. Ab und zu ploppt eine neue Nummer auf und es piepst ganz laut. Jetzt heißt es also warten, bis die persönliche Nummer dran ist und man an allen anderen Menschen vorbeilaufen und an einen der unzähligen Glaskasten mit weiteren Polizistendamen treten muss. Je näher meine Nummer rückt, desto aufgeregter werde ich. Was wollen die Damen denn genau von mir? Was, wenn sie mich nicht verstehen oder ich öffentlich dafür gerügt werde, dass ich nicht alle Dokumente unter meinem Arm zerquetscht mitgebracht habe? Und dann ploppt tatsächlich mit einem lauten Piepsen meine Nummer auf und ich schrecke zusammen. Ich stolpere vorbei an lauter Einheimischen, die mich mit ihren Augen verfolgen, vor zum Glaskasten. Ich werde ein bisschen zu meinen Daten befragt. Eine Frage lautet: „In welcher Stadt wurden sie geboren? (Die Dame deutet auf meinen Pass.) In Deutsch?“ „Nein, in Ravensburg.“ Jetzt bitte nicht laut loslachen. Das System findet Ravensburg nicht. Ich soll ihr das Bundesland, in dem Ravensburg liegt, nennen. Auch Baden-Württemberg kann nicht gefunden werden. Mir bricht der Schweiß aus. Als die Dame mich mit ernster Miene in ihr Glaskästchen bittet, überlege ich, wie ich möglichst schnell aus dem Raum fliehen kann. Alles halb so wild, ich soll ihr nur in ihrem Computer zeigen, wo Baden-Württemberg in einer Bundesländerliste zu finden ist. Ich brauche ewig, bis ich verstehe, dass „mein“ Bundesland im Ausdruck „Bayern-Bad“ mit inbegriffen sein muss. Die Dame schaut mich zögernd an, druckt 5 Blätter aus, von denen sie 3 behält. Auf allen muss ich mehrfach unterschreiben. Nachdem alles Mögliche bestempelt wurde, ich mit einem wirschen Kopfnicken weggeschickt werde, drehe ich mich triumphierend um. Und sehe, dass alle mich anstarren, wieder beeindruckt von meiner wilden Gestik wie beim Trufi-Fahren. Peinlich! Mit dem zweiten Zettelchen läuft es ähnlich ab. Viele Daten, viele Unterschriften und viele Dokumente, die eigentlich genau gleich aussehen. Etwa drei Stunden später – im Nachhinein glaube ich, dass ich mir hier bei hoch aufgedrehter Klimaanlage die Grippe geholt hab – verlassen wir das Gebäude; müde und um mehrere Stapel Papier reicher. In einem vollgestopften Trufi geht es weiter zum Palacio de Justicia. Gleiche Geschichte mit Zettelchen, Warten, Daten und Unterschriften. So langsam fühle ich mich ein bisschen auf den Arm genommen. Am Schluss bekommt jede noch ein Zettelchen, mit dem wir in der darauffolgenden Woche mehr Papier abholen sollen. Aha. Hoffentlich bringt das alles auch was!  

Der nächste große Schritt war die medizinische Untersuchung. Um halb 6 mussten wir aufstehen, durften nichts essen und nicht pinkeln. In Cochabamba haben wir erst mal 500 bs an die Polizei überwiesen für die Untersuchungen. Wieder mussten wir warten – mit voller Blase ist das gar nicht so lustig -, unsere Pässe her zeigen, unterschreiben und dann die Urinprobe abgeben. Einmal um das improviesierte Krankenhäuschen rum war die Blutabnhame bei einer älteren Frau, die „Shape of you“ in Dauerschleife gehört hat und auch sehr überzeugt mitgegrölt hat. An dem Morgen war es noch richtig kalt, ich habe gefroren und mein Kreislauf war auch ziemlich im Eimer, weil ich ja noch nichts gegessen hatte. Dementsprechend hat sich das Blutabnehmen schwieriger gestaltet als gedacht. Nichts hat geholfen; weder Arm abbinden, noch Faustgepumpe, noch aggressives auf meinen Arm Geschlage. Meine Venen sind nicht mal ansatzweise zu sehen gewesen. Genervt ist die Dame davongerauscht und 10 Minuten später mit unterschiedlichen Utensilien wiedergekommen. Mir wurde ein Loch in den Finger gepiekst und dann gewaltsam das Blut rausgequetscht und auf verschiedene Plättchen und Tests verteilt. Und dann musste noch ein Glasröhrchen gefüllt werden. Die Dame, inzwischen schon ziemlich gereizt, stochert mit dem Röhrchen in meinem Finger rum. Aua! Nächste Station Röntgen. Ohne jeglichen Schutz nur in Unterhose und einem schicken blauen Überzug durften wir uns einmal durchleuchten lassen. Und dann noch eine Art Verhör. Passnummer, Wohnort, Geburtsdatum. Nehmen sie Medikamente? Nein. (Die paar Ibu lass ich mal außen vor…) Waren sie jemals schwanger? Ja, meine 5 Kinder warten daheim?. Dann noch ein bisschen Abhören, Rumdrücken und Husten. Und das war´s. Mit dem Taxi ging es weiter zur „Migración“, wo wir ein Blatt mit interessanten Angaben (genaue Kontostände, wen bitte hat das zu interesssieren?!) abgegeben haben, das wir am Tag zuvor noch spontan ausfüllen und ausdrucken mussten. Außer einer Notbanane immer noch nüchtern haben wir uns dann gegen 13 Uhr das nächst Beste zu essen geholt.Man, war das toll:) 

Etwa eine Woche später wurden wir auf halb 2 zur Migración bestellt. Alles gar kein Problem, dachten wir, da können wir morgens ja noch ins Projekt, kurz heim was essen und dann mit dem Trufi in die Stadt fahren. Denkste! Früh morgen an besagtem Tag ruft Carmen an und sagt, es gibt „bloqueos“ (Straßensperren, veranstaltet von Interessensgruppen, die so versuchen, ihre Forderungen zu „erpressen“). Der Kilometer 11 sei auf jeden Fall komplett gesperrt, wir würden wahrscheinlich nicht in die Stadt kommen und sie weiß nicht, ob die Sperren sich ausbreiten und wie lang sie dauern. Da geht einem natürlich erst Mal die Drüse. Ich hab mir das so spektakulär vorgestellt wie in „También la lluvia“, der Film, der uns durch den Spanischunterricht in der Oberstufe begleitet hat („Estáis en pecado mortal!“ fällt mir da grad wieder ein?). In Panik haben wir dann gefragt, was wir genau machen sollen: Um 11 mit genug Zeitpuffer mit dem Taxi losfahren. Dann haben wir in Piñami abgesagt und den Verkehr vor unserem Haus beobachtet; da die Hauptstraße gesperrt war, sind alle auf die Nebenstraßen ausgewichen, hier war also richtig was los. Pünktlich um 11 sind wir an den Haltepunkt vom Taxi-Unternehmen unseres Vertrauens „Campestre“ direkt in unserer Straße gegangen und haben dem Fahrer versucht zu erklären wo wir hin wollen. Gespannt, wie er jetzt genau die bloqueos umfährt, sind wir eingestiegen. Und was macht er? Fährt einfach ganz normal auf die Avenida! Und da war nichts los! Völlig unspektakulär, wahrscheinlich hätten wir für ein Zehntel des Geldes den Weg nach Cochabamba zurücklegen können. Naja, so ging es wenigstens schnell und wir mussten nicht viel laufen. Ein kleines bisschen enttäuscht haben wir dann 2 Stunden zu früh vor der Migración gewartet. Irgendwann kam dann auch Carmen (die morgens übrigens wegen den bloqueos um 5 aufgestanden ist und fast zu spät zu einer Klausur gekommen ist) mit 4 riesigen Stapeln Papier für Tabea aus Independencia und uns drei mit zugehörigen Röntgenbildern von der Untersuchung. Und die Bluttest-Ergebnisse: Ich bin gesund und weiß jetzt meine Blutgruppe?. Die arme Carmen muss echt Stress gehabt haben. Da waren Dokumente in meiner Mappe, die ich noch nie gesehen habe, sie muss also noch viel rumgerannt sein! Nach ein bisschen Rumgedrängel vor dem Gebäude sind wir dann ins Gebäude und mussten alle Papiere vorzeigen – wieder mit Zettelchen und Bildschirm. Ich habe wohl den nettesten Beamten erwischt. Carmen meinte im Nachhinein, dass er der „Experte“ sei. Es gab gar keine Probleme, wir haben eigentlich mehr getratscht und er war echt ziemlich lustig. Bei den andern ging alles doppelt so lang, sie mussten komische Fragen beantworten und Johannas Beamter hat irgendwas falsch eingetragen. Dann wurden unsere Fingerabdrücke eingescannt, wunderschöne Spontanfotos gemacht („Setz deine Brille ab!“-ZACK!-wirklich sehenswert…) und wir haben unser vorletztes Zettelchen bekommen, mit dem wir in der darauffolgenden Woche unser Visum abholen können! Juhu!  

Mittwochmittag, 11. September, sind wir dann mal wieder an die Migración gefahren – eine der Trufistrecken, die ich jetzt dann komplett auswendig kenne – und haben uns unser hoffentlich letztes Zettelchen abgeholt. Ich habe mich wieder fieberhaft auf die Bildschirme konzentriert (Haha, Wortwitz, ich hab tatsächlich schon wieder Fieber, doofe bolivianische Viren oder Bakterien oder so!). Als ich (5T war diesmal meine Nummer) dran war, ging es diesmal ganz schnell, ein paar Unterschriften später hatte ich dann meinen Pass mit eingeklebtem Visum drin! Und mal wieder ein paar Blätter mehr. Es ist also tatsächlich vollbracht!!! Eventuell brauchen wir doch noch ein „carnet“, so ein Kärtchen in Richtung Perso glaube ich. Aber das scheint schon beantragt worden zu sein, wir müssen nur Geld überweisen und es dann abholen.  

So, genug erzählt. Ich bin auf jeden Fall froh, dass alles geklappt hat und wir wirklich hierbleiben dürfen!  

Liebe Grüße von der jetzt ganz legalen 

Rahel 

 

Zwischen Trufis, Torten und Tee

„Bienvenido“ bei den Amigos de San José

Warten, warten, warten…

Mein Traumhut – Teil einer „Tanztracht“

 

 

 

 

 

 

 

 

Heute ist Dienstag. Zwei Wochen ist es schon her, seit wir in Bolivien gelandet sind. Zwar passiert im Moment nicht besonders viel, aber ein paar Gschichtle gibt´s schon.

Erstes Stichwort TRUFI:

Trufi ist die Abkürzung für Taxi RUta FIjada, also quasi „Taxi mit fester Strecke“. Diese Trufis sind kleine Busse in der Größe ähnlich VW-Bussen, in die ca. 10 Leute – manchmal auch mehr – passen.  Mit denen kommt man für sehr wenig Geld eigentlich überall hin. Je nach Strecke kostet eine Fahrt zwischen 1 und 2,50 bolivianos – umgerechnet also 13-30 Cent. An sich eine echt tolle Sache, für uns aber gerade jetzt noch am Anfang sehr aufregend. Denn ein Trufi hat zwar eine feste Strecke, dafür aber keine Haltestellen. Und es gibt ziemlich viele verschiedene Nummern, die alle woanders hinfahren. Entscheidet man sich nun, von der großen Avenida Richtung Cochabamba zu fahren, muss man erst einmal auf die andere Seite der Straße kommen: Entweder über die vierspurige Fahrbahn rennen (nur zu empfehlen, wenn man lebensmüde ist), oder über den großen Fußgängerüberweg watscheln. Dann geht die hektische Suche nach der richtigen Nummer los: „Fährt die 205 direkt rein oder war das die, die einen riesen Umweg macht?“  „Hat Aracely jetzt 207 oder 270 gesagt?“ „Sind wir letztes Mal sicher mit der 252 gefahren?“ „Ja ja, wird schon passen.“ Dann heißt es, dem Fahrer zu zeigen, dass man gern in sein Gefährt einsteigen möchte. Die Erfahrenen machen das ganz cool, in dem sie einfach den Arm ausstrecken, und irgendwie weiß dann immer genau der richtige Trufi-Fahrer, dass er gerade gemeint ist. Bei uns sieht das nicht ganz so elegant aus. Wir entschließen uns recht kurzfristig, für welche Nummer wir uns entscheiden. Und dann rennen wir auf den Trufi zu, schleudern unsere Arme hoch und rufen zur Sicherheit noch ein bisschen rum, um auf uns aufmerksam zu machen. Peinlich berührt steigen wir dann ein und werden von allen Mitfahrenden eingehend beobachtet – warum kann ich immer nicht einschätzen: Entweder, weil sich mindestens eine von uns den Kopf anschlägt, oder weil wir die blonden, auffälligen Gringas sind. Oder vielleicht doch wegen unserer einmaligen Show kurz zuvor. Wir sitzen – geschafft! Falsch gedacht. Der Verkehr hier ist doch recht gewöhnungsbedürftig. Die Straßen sind sehr breit und ohne Spur-Markierung. Mit viel Abstand passen zwei, wenn es sein muss auch drei Autos nebeneinander. Meistens sind es vier. Es herrscht immer große Konkurrenz und Drängelei. Jeder Trufi-Fahrer weiß damit unterschiedlich umzugehen. Bis jetzt konnte ich zwei Typen erkennen: Den Huper und den Super-Huper. Der Huper ist noch relativ jung und fährt bestimmt noch nicht so lang Trufi. Er sitzt sehr aufrecht und weit vorne am Sitz und hat beide Hände am Lenkrad, außerdem macht er ab und zu sogar den Schulterblick. Mit dem Losfahren wartet er, bis er fertig abkassiert hat. Manchmal ist er ein wenig rebellisch und freut sich, wenn er sich zwischen zwei Autos drängeln konnte. Und er hupt, aber meistens nur wenn er wirklich ungerecht behandelt wurde. Ganz anders ist da der Super-Huper (dieser Typ überwiegt eindeutig.) In seinem Trufi läuft laute Musik, während dem Fahren unterhält er sich mit einem Passagier und Kassieren geht auch nebenher. Er ist ein sehr gerissener Fahrer und schlängelt und drückt sich überall durch, egal wie knapp es zu sein scheint. Nachgeben ist nicht. Und natürlich hupt er auch, quasi ständig. Egal, ob eine Frau am Straßenrand steht (Weil er sie toll findet oder weil er ihr mitteilen will, dass in seinem Trufi noch Platz ist, obwohl alle Sitze schon belegt sind?), ein Hund über die Straße rennt oder ein anderes Trufi sich – genau so penetrant wie er selber – vor sein Trufi gedrängelt hat. (Kleiner Insider, sorry: Wenn ich selber fahren würde, würde ich ständig „Pchiu, pchiu, pchiu“ machen! ?) Tatsächlich bin ich schon hinter einem Trufi-Steuer gesessen! Als wir am Sonntag mit Pedro auf dem Weg zu unserem Willkommensgottesdienst in der Kapelle von Piñami Chico waren, ist ein Trufi auf einem Weg mit vielen kleinen Steinen stecken geblieben. Wir haben uns angeboten, den Wagen aus der Kuhle zu schieben. Ich wurde als die Schwächste ausgemacht und musste mir kurz das Auto erklären lassen und dann Gas geben und losfahren, während die anderen geschoben haben. Hat dann tatsächlich geklappt! Und wer kann schon von sich behaupten, dass er schon mal selber ein Trufi gefahren hat? Zwar nur ein paar Meter, aber egal.

Zurück zum Mitfahrer sein. Man sitzt da also drin, wird ordentlich durchgeschüttelt und muss schon fieberhaft überlegen, wo man genau aussteigen will und was der realistische Preis für die Strecke sein könnte. Man will ja nicht zu wenig geben und zurückgepfiffen werden, aber abgezogen werden genau so wenig. Und dann steigt die Aufregung ins Unermessliche. Man muss nämlich laut durch den ganzen Trufi rufen, wo und wann man aussteigen will. Ziemlich peinlich, wenn man sich da als Ausländer versprechen würde. Und dann, wenn man wirklich nicht mehr länger warten kann, überschlägt sich die Stimme und man vermischt alle möglichen Floskeln. Peinlich. Trotzdem bremst das Trufi ab und man muss bezahlen – Gebe ich dem Fahrer das Geld jetzt über seinen Kopf drüber noch vom Inneren des Trufis oder steige ich aus und reiche es durch das Fenster durch? Antworten auf all diese Fragen finde ich hoffentlich in diesem Jahr!

Nächster Punkt: TORTE 

Johanna hatte am Samstag Geburtstag und es war ein ziemlich voller Tag. Morgens gab es ein großes Frühstück und Kuchen Nummer eins aus dem Weck-Glas von Johannas Mama (hätte ich mich da mal zurückgehalten!). Später ging es dann in das Haus der Josefs-schwestern. Gemeinsam mit den Schwestern haben wir gekocht, mit allem drum und dran: Zwei verschiedene Kartoffelsorten, Avocado mit Bohnen-Erbsen-Eier-Füllung, Hähnchen, Palmherzen und Kochbananen (Liebe Grüße an alle mir bekannten bekennenden Bananenhasser; jedes Mal, wenn es die gibt, muss ich an euch denken!). Und zum Nachtisch Kuchen Nummer zwei. Zu diesem Zeitpunkt hätte man mich schon rollen können, und ich konnte nicht einmal alles aufessen, was auf meinem Teller lag! Mittags haben wir uns dann mit den Mincas (eine Art Jugendgruppe, die bei allen möglichen Aktionen hilft) und Aracely in Piñami getroffen. Da gab es die erste Torte des Tages: vier Biskuit-Lagen und schön viel Sahne-Butter-Creme verziert mit Schokolade und – für das gute Gewissen – eine einsame einzelne Einzelgänger-Erdbeere ;). Zum Glück habe ich ein Mini-Stück erwischt! Und abends ging es dann wieder zu den Schwestern zu einem Treffen der „Freunde von San José“. Als Willkommensgruß haben ein paar Frauen traditionelle Tänze vorgeführt und am Schluss gab es – wer hätte es gedacht – Torte Nummer zwei! Vollgegessen ging es für uns dann wieder nach Hause und direkt ins Bett.

Was mir zum Thema essen noch einfällt: In unserer Straße gibt es viele kleine Läden, in denen man eigentlich alles kaufen kann: Reis, Spülmittel, Obst und Gemüse, Kekse, Brot (Ich habe den Verdacht, dass wir viel mehr Brot essen als alle anderen. Die Verkäufer schauen uns immer ganz komisch an, wenn wir 8 kleine Wecken einkaufen und nicht mal zwei Tage später wieder da stehen!). Und das alles ist so günstig, dass wir beim ersten Einkauf ziemlich verwirrt waren: Als wir 4 Tomaten haben wollten, hat uns Doña Clara – aufgrund der Namensvetterschaft (sagt man das so?) der Laden unseres Vertrauens – nicht vier Tomaten eingepackt, sondern so viele Tomaten, wie man für 4 bolivianos bekommt, also bestimmt 10 Stück. Bis wir das gemerkt haben und wir auch nicht jedes Mal NEIN! rufen wollten, wenn jemand die ganze Tüte mit Gemüse vollgepackt hat, waren am Ende der Straße alle Hände und Taschen voll und wir versuchen immer noch, die Massen an Essen weg zu futtern.

Am Sonntag war dann wie gesagt unser Willkommensgottesdienst und wir wurden wieder sehr herzlich begrüßt, haben sogar alleine gesungen und wurden gesegnet. Danach ging es für mich leider wieder nach Hause:

Ein letzter Abschnitt: TEE 

Seit letztem Donnerstag schleppe ich nämlich ein paar hartnäckige Keime mit mir herum. Sonntag war das Hoch dieses Infekts – bestimmt, weil ich davor so viel Torte gemampft habe! – aber jetzt scheine ich über den Berg zu sein. Geholfen haben mir dabei viel Tee, ein paar Ibu, Tee, und Schlaf. Und Tee. Aber dass eine gute Ibu tatsächlich was helfen kann, wollte mir man hier nicht so richtig glauben. Hier eine Auswahl gut gemeinter Ratschläge: Tee mit Honig, Ingwer und Zitrone und viel Trinken; Ecalyptus-Tee, Eucalyptus-Umschläge, Eucalyptus-Sud ans Bett stellen; dubiose Creme über Nacht auf die Füße schmieren; noch viel dubioseres Pulver in den Tee geben; und mein persönliches Highlight: Eine Zwiebel über Nacht ins Zimmer legen, das saugt die Keime auf und am Morgen ist die Zwiebel schwarz. Diesen Ratschlag mussten wir durchführen, denn wir wurden von der Ratschlaggeberin persönlich dabei überwacht. Das Resultat: Unsere Wohnung hat den Vormittag schrecklich gestunken, die Zwiebel war nicht schwarz und ich nicht gesund. Jeder hat so seine Meinung, was ich am besten zu tun habe, das ist sehr interessant! ?  Natürlich sind alle sehr nett und fürsorglich, jeden Tag schaut jemand vorbei und fragt ob wir etwas brauchen und wie es mir geht. Pedros Mama Eli hat mir sogar während Clara und Johanna in einem Wasserpark waren – Ja, so warm ist es schon! – heiße Suppe, Reis und Hühnchen vorbeigebracht!

Den Umständen entsprechend geht´s mir gut! Ich lese viel, lerne das Vater Unser auf Spanisch und habe Zeit zum Blog schreiben. Das Visum ist in Arbeit – wenn wir es haben, erzähle ich, was wir dafür so alles machen mussten – und ab und zu schnuppern wir schon in unsere Projekte rein. Auch darüber möchte ich erst berichten, wenn alles in trockenen Tüchern ist und ich weiß, wie alles funktioniert!

Und eine Sache muss ich noch loswerden: Wir haben seit Samstag einen eigenen kleinen Kühlschrank! Juhuuu!

Liebe Grüße

Rahel

P.S.: Also das mit dem Newsletter funktioniert einfach nicht! Clara und ich zerbrechen uns schon den Kopf!

P.P.S.: Wer gerne ein Video vom Tanzabend sehen möchte, kann sich gerne melden!

Die ersten Eindrücke

Diese Galerie enthält 4 Bilder.

Endlich da!

Mit dem Flixbus von Ravensburg nach Frankfurt fahren – Langstreckenfliegen von Frankfurt über Madrid nach Santiago de Chile – Flug nach Iquique, Chile und ein letztes Mal fliegen nach Santa Cruz, Bolivien – Seminar in Santa Cruz – 10 Stunden mit dem Bus (endlich!) nach COCHABAMBA! Was da so alles passieren kann, erfahrt ihr hier: 

Die große Reise 

Nach einem doch recht schmerzhaften und tränenreichen Abschied ging es für Clara und mich letzten Montag (11. September) dann endlich los auf die große Reise. Nach 8 Stunden Busfahrt, in der wir uns schon mal an das „Nix-Verstehen“ gewöhnen konnten – der Fahrer hat seeehr undeutlich geredet, sind wir mit viel Puffer in Frankfurt angekommen. Der war aber auch nötig. Wir zwei waren nämlich leicht überfordert mit dem vielen Gepäck und das ganze Herumlaufen wurde zur schweißtreibenden Herausforderung, aber trotzdem ziemlich lustig. Deshalb waren wir froh, als wir unseren Check-in-Schalter gefunden haben und das Gepäck bis zur Endstation Santa Cruz durchchecken konnten. Nach der Sicherheitskontrolle – ich musste meine Schuhe ausziehen, die dann eine extra Runde durch das „Durchleuchtungsgerät“ drehen durften –  haben wir vom BDKJ uns gefunden (Tabea & Sofia, Independencia, & Johanna, die mit uns nach Cochabamba geht). Außerdem war da noch eine ganz schön große Gruppe von Leuten in unserem Alter, die sich als die Freiwilligen vom BKHW (bolivianisches Kinderhilfswerk) herausstellen sollten, zu deren Flügen und Seminaren wir quasi „dazugebucht“ wurden. Um 19.25 ging dann tatsächlich der Flieger Richtung unbekannte Welt. Es war ganz komisch, als wir dann in der Luft waren: Kein deutscher Boden mehr für ein Jahr! Der Flug nach Santiago war eigentlich super. Das Essen war lecker, meine Nebensitzerin vom BKHW war total nett und die Filmauswahl war sehr beeindruckend – alles von Casablanca bis zum neuesten „Fast & Furious“, den ich mir natürlich sofort NICHT angeschaut habe… Nach ein paar Stunden Schlaf sind wir dann das erste Mal auf lateinamerikanischem Boden gelandet. Also rein theoretisch sollte dieses Umsteigen ja völlig problemlos funktionieren, weil wir ja rein theoretisch unser Gepäck bis Santa Cruz durchgecheckt haben. In der Praxis sind wir dann nach Chile eingereist – so richtig mit Stempel und Formular, haben unser gesamtes Gepäck gesucht, wurden komplett durch die Sicherheitskontrollen geschleust und haben alles nochmal aufgegeben (diesmal tatsächlich bis ganz nach Bolivien). Die anderen zwei Flüge über Meer, Anden und (Salz-)Wüsten waren geprägt von Durst, Müdigkeit und Zeitverschiebungsgerechne. Groß war dann natürlich die Erleichterung, als wir dann mit den meisten Habseligkeiten (bei Schokolade und guter deutscher Wurst waren die bei der Einreise ein bisschen skeptisch) und einem 30-Tage-Permiso in Santa Cruz angekommen sind. 

Seminar in Santa Cruz 

Vom Seminar will ich jetzt nicht allzu viel schreiben, sonst lest ihr in 3 Stunden noch. Allein die Fahrt zur Unterkunft könnte zwei Seiten füllen. Es war auf jeden Fall sehr aufregend und ein paar Mal war ich mir ganz sicher, dass wir jetzt sofort einen Unfall bauen. Verschwitzt und ausgelaugt haben wir dann Spaghetti in uns reingestopft und dazu irgendein bappsüßes Zuckerwasser getrunken (ich wurde zwar schon vorgewarnt, aber es ist wirklich ziemlich krass; manchmal waren die Getränke so dickflüssig wie Sirup). Santa Cruz liegt im Tiefland Boliviens und obwohl es hier ja gerade Winter ist, war es schon abends als wir gekommen sind ziemlich warm und tagsüber wirklich bollahoiß (also sehr sehr sehr heiß;) ) mit ganz trockenem, heißem Wind und ich war sehr froh über den großen Wasserspender im Haus. Am nächsten Abend standen alle getrieben vom Hunger und deutscher Pünktlichkeit wie bestellt um 19.00 vor dem Essenssaal. Das Essen war aber noch lange nicht fertig – erste Berührung mit der bolivianischen Gelassenheit. Am Abend kamen andere Freiwillige, die schon seit August hier sind, und sogar welche, die 2016 angefangen haben und jetzt ein halbes Jahr verlängern – im Moment noch recht unvorstellbar für mich! Und bei dieser kleinen Fiesta – ich kann jetzt den Salsa-Grundschritt! – habe ich eine Entdeckung gemacht: Ein Mini-Skorpion! (Nein, ihr braucht euch keine Sorgen machen; die gibt´s da nicht oft und die Biss-Gift-Stärke hätte nur der einer Wespe entsprochen. Außerdem liegt Cochabamba im Hochland, da sollte es generell weniger Tiere haben!) Am nächsten Tag sind wir alle zum Bus-Terminal gefahren. Alle haben sich verabschiedet, unser Bus ist als letztes gefahren. Mit unserer Mentorin Carmen haben wir „Cochabambinas“ ( Zoé, Julia, Teresa mit ihrer kleinen Tochter Laura, Tabea, Sofia, Johanna, Clara und ich) dann 3 Stunden im Busbahnhof verbracht. Und schon wieder haben wir uns die Pünktlichkeit ein bisschen zu sehr zu Herzen genommen: Unser Bus sollte um 20.30 losfahren. Um dreiviertel 8 hat sich ein Großteil der Gruppe kurz verabschiedet um Essen zu holen. Tabea, Clara und ich sind an unserem Platz geblieben und mussten auf eine nicht gerade kleine Menge Gepäck aufpassen. Um 10 nach 8, als immer noch niemand zurückgekommen ist, wurden wir ein bisschen nervös, besonders weil Clara zuvor gelesen hat, dass man spätestens eine halbe Stunde vor Abfahrt am Bus sein sollte. Als um exakt 20.17 (ich hab immer panisch auf die Uhr geschaut!) dann doch alle da waren, sind wir schnell durch den Bahnhof zu unserem Abfahrtspunkt gehetzt. Lange Rede, kurzer Sinn: der Bus ist dann um 21.40 losgefahren. Naaaja, jetzt weiß ich das auch:)

Ankunft in Cochabamba

Nach einer echt entspannenden Busfahrt mit riesigen gemütlichen verstellbaren Sitzen sind wir dann gegen 7 Uhr morgens im Bus-Terminal von Cochabamba angekommen. Nachdem alle ihr Gepäck aus dem Bus gefischt haben, wurden wir sehr herzlich von Pedro, Maria Luisa, Aracely und Don José empfangen, sogar mit selbsgebasteltem Schild mit Glitzer! Mit dem Taxi sind wir auf der großen Avenida Blanco Galinda bis zum Kilometer 11 gefahren und dann zum Kolping-Haus neben der Kirche Cruz Gloriosa, wo Johanna, Clara und ich den nächsten Monat oder vielleicht auch länger wohnen bleiben und haben gefrühstückt. Und da sind wir! Endlich am Ende der Reise angekommen! Seit drei Tagen wohnen wir jetzt hier, aber es fühlt sich an, als wären es schon drei Wochen. Es gibt so vieles zu entdecken und zu „verschaffen“ und so viele neue Namen und Gesichter. Nicht mal die Namen unserer drei Haushunde kann ich mir merken, nur einen: Hilde! Die ist nämlich die süßeste von allen. Apropos Hunde: Ich habe noch nie so viele streunende Hunde gesehen – Papa, du kannst dich auf was freuen! 😀 Bis jetzt war aber noch keiner arg aufdringlich. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass ich heute immer mit einem riesigen Stecken rumgelaufen bin. Wir waren nämlich Putzsachen kaufen wie richtige Hausfrauen und ich durfte den Besenstiel herumtragen. Was man hier auch super erstehen kann sind frische Früchte. Ich bin jetzt schon ein großer Ananas-Fan, die erste große ist schon verputzt. Gerade eben waren Clara und ich das erste Mal ganz allein einkaufen und wurden – meiner Meinung nach – gar nicht sooo arg übers Ohr gehauen.

Und da sitz´ich jetzt in meinem Bettchen, trinke Coca-Tee und fühle mich, muss ich sagen, sehr gut aufgehoben. Einerseits, weil ich glaube, dass ich echt nix Wichtiges vergessen hab, aber noch viel mehr, weil die Leute hier unfassbar nett und herzlich sind. Unser „equipo“ (Hermana Maria Luisa, Aracely und Padre José Luis) kümmern sich echt um uns, laden uns eigentlich jeden Tag zum Essen ein und sind einfach sehr lieb. Nachher kommen sie auf einen Tee und ein Schwätzchen über unsere Arbeit vorbei. Und auch alle anderen Leute, die wir treffen beim Einkaufen oder wenn Pedro uns durchs Barrio führt, sind sehr herzlich – so mit Umarmung und (angedeutetem) Küsschen auf die Backe – und freuen sich total. Besonders nett war es vorgestern bei den Bordadoras, den Stickfrauen. Da hab ich mich so richtig pudelwohl gefühlt. Sie haben uns übrigens überredet uns das Sticken beizubringen, also werde ich da bestimmt den ein oder anderen freien Nachmittag verbringen!

Das wär´s dann mal so fürs Erste!:) Ich könnte noch viel mehr erzählen, zum Beispiel vom Verkehr (da brauch ich aber echt noch mehr Erfahrung:D), aber bevor ich jetzt vom Hundertsten ins Tausendste komme, warte ich lieber noch, bis wir dann wirklich anfangen zu arbeiten!

Liebe Grüße ins herbstliche Deutschland (hier ist es manchmal schon richtig warm!)

Rahel

P.S.: Ein paar Bilder sollten theoretisch in der Galerie zu finden sein –  wenn nicht bitte melden! 😀

 

Hallo, ich bin´s!

Hallo zusammen!

 

 

Das hier ist also mein Blog über mein Jahr in Cochabamba, eine doch recht große Stadt in Bolivien. Herzlich Willkommen! Für alle, die mich nicht kennen und per Zufall hier her gelangt sind: Mein Name ist Rahel Hildebrand, ich bin 18 Jahre alt und wohne zur Zeit noch mit meiner Familie (meinen großen kleinen Bruder und mich sieht man übrigens auf dem Foto!) in Weingarten in der Nähe vom Bodensee. Vor zwei Monaten habe ich mein Abi gemacht und werde mich in genau 10 Tagen auf die große Reise nach Lateinamerika begeben und dort ein freiwilliges soziales Jahr absolvieren. Zum Glück aber nicht allein: Gemeinsam wohnen und arbeiten werde ich mit Clara Schwab, die auch aus Weingarten kommt, und Johanna Lieberth aus Bamberg. Genaue Details über die Arbeit gibt´s dann von dort!

 

 

Im Moment geht´s mir richtig gut, ich freue mich total auf alles (außer auf die Sache mit dem Visum: Wir reisen mit einem Touristenvisum ein und beantragen dann erst vor Ort das „Richtige“-verbunden mit wahrscheinlich unzähligen Behördengängen…naja). Nur die Sprache macht mir noch ein bisschen Sorge. In der Schule hatte ich zwar seit der 8. Klasse vier Stunden pro Woche Spanischunterricht, aber in der letzten Zeit war das jetzt nicht so mein Glanzfach. In der Hoffnung, dass es mir weiterhilft, habe ich mir jetzt schon zwei Filme auf spanisch angeschaut:). Auch sonst versuche ich, meine To-Do-Liste abzuarbeiten. Als brave Neuwählerin habe ich heute meine Briefwahlunterlagen abgeschickt-echt aufregend!-, war mal wieder auf der Bank und (ha!) arbeite mich ins Blog-Wesen ein (so was dauert bei mir nämlich immer länger, weil die Technik grundsätzlich nie auf meiner Seite sein will). Und dann muss ich noch mein Zimmer ausräumen und PACKEN! Zwei Gepäckstücke á 23 kg und ein Handgepäcks-Rucksack – mal schauen was alles mit rein darf!

 

Und dann geht´s bald los! So richtig kann ich immer noch nicht fassen, dass ich einfach für ein Jahr von hier abhaue. Mehr gibt es im Moment eigentlich nicht zu erzählen. Sobald wir angekommen sind und ich eine ruhige Minute finde, melde ich mich wieder!

Liebe Grüße aus Weingarten (noch!)

Rahel