Wo wir wohnen & unsere Arbeit in Piñami

Dank der Kirche neben unserer Wohnung werde ich jeden Tag um halb 7 von sehr lautem, schrillem und lang andauerndem Lautsprecher-Glockengeläut aufgeweckt. Das Gute daran ist, dass ich vor dem Aufstehen Zeit finde, euch ein paar Neuigkeiten zu erzählen!

Nach einigem Hin und Her, vielen Gesprächen und einigen Besichtigungen haben wir uns nun entschieden: Wir bleiben im Kolping-Haus wohnen! Auf dem Gelände gibt es eine Art Kindergarten, einen großen Wäsche-Wasch-Platz (den hab ich schon ganze zwei Mal genutzt!) und zwei Wohnhäuser mit jeweils 6 Wohnungen. Hier wohnen Beatriz, die Chefin hier und unsere Vermieterin, der Hausmeister mit Frau und sehr süßem Kind und die bereits erwähnten Hunde. Außerdem können hier Frauen mit ihren Kindern Schutz finden, die daheim von ihrem Mann schlecht behandelt wurden (um es nett zu formulieren). Letzten Freitag, als wir von Piñami zurückgekommen sind, stand ein Polizeiauto vor der Tür. Eine Frau mit zwei kleinen Kindern und vielen bis zum Rand gefüllten Taschen wurde von zwei Polizistinnen hier her begleitet. Es hat ziemlich lange gedauert, bis es in meinem Kopf KLICK! gemacht hat. So richtig Kontakt hatten wir mit den Frauen aber noch nicht; meist nur ein kurzes gestresstes Hallo auf dem Gang oder als wir bei einer jungen Frau und ihrer Tochter am Pizzastand vor dem Haus unser Abendessen bestellt haben. Die meisten Wohnungen stehen aber leer, wir nehmen also niemandem den Platz weg! Jetzt, da eine Entscheidung getroffen wurde, bin ich sehr froh, weil wir uns wirklich einleben können und nicht darauf vorbereitet sein müssen, dass wir bald umziehen. Viele Bilder sind schon am Schrank neben meinem Bett aufgeklebt, wir haben den ersten Groß-Putz hinter uns und auch die meisten wichtigen Einrichtungsgegenstände und Küchengeräte sind besorgt -seit gestern sind wir stolze Besitzer eines Mixers; super zum Suppen, Säfte und Bananenmilch machen und mal wieder sehr „económico“ (preiswert)! Auch sonst haben wir alles was man braucht: Küche mit Gasherd und Kühlschrank, Bad mit Dusche und Mülleimer fürs Klopapier (das verstopft sonst die Rohre), ein einzelnes Schlafzimmer – Johannas große Errungenschaft, und eine Art Wohnraum mit nochmal zwei Betten. Also recht eng, aber trotzdem genug! So, und jetzt noch was Lustiges (hat mir Carmen Sonntagabend beim gemeinsamen Essen erzählt): Vor ein paar Monaten, als José Luis und Carmen über mögliche Wohnungen für uns diskutiert haben, ist kurz Panik ausgebrochen. Auf der Liste mit den Namen haben sie meinen entdeckt und dachten, ich sei ein Junge. Bei „gemischten“ Freiwilligen hätte man dann ja unterschiedliche Räume gebraucht und das ist ja auch nicht förderlich für die Gemeinschaft. Nach einigen schlaflosen Nächten hätte dann ein panischer Anruf nach Deutschland alles geklärt – mich würde interessieren wer ihn entgegen genommen hat und ob dieser Jemand auch so gelacht hat wie ich 🙂 .

Jetzt kommt endlich auch mal was zu unserer Arbeit. Den größten Teil der Woche – (vorraussichtlich)  Dienstag, Mittwoch und Freitag – verbringen wir in der Hausaufgabenhilfe (apoyo escolar) in Piñami. Von Kolping laufen wir ca. 20 Minuten und werden jedes Mal geschockt gefragt, ob wir WIRKLICH gelaufen sind – hier wird nämlich jede Ecke mit dem Trufi gefahren. Das Gelände ist am Ende einer langen Straße, die gerade betoniert wird. Es gibt eine Küche, im unteren Stock wird gegessen und dort machen auch die „Großen“ ihre Aufgaben. Im oberen Stock sind die Kleinen, und Aracely, die Leiterin, macht da ihre Büroarbeiten. Außerdem gibt es noch eine kleine Krankenstation, da helfen wir leider nicht mit, weil sie nicht direkt zum Projekt gehört. An das Gebäude ist die Kapelle von Piñami angebaut. Daneben gibt es einen betonierten Fußballplatz. Wir fangen jeden Morgen um halb 10 an und helfen Ingrid, zuständig für die Kleinen, und einigen Müttern – einmal im Monat sollte eine Mama, deren Kind im Projekt versorgt wird, morgens mithelfen – mit den Vorbereitungen. Also Gemüse schnibbeln (Danke an Jonas, einen Vorfreiwlligen, der dem Projekt einen Kartoffelschäler vermacht hat!), Tische herrichten und Gebäck für den Nachtisch um 5 herstellen – die Empanadas waren bis jetzt meine Favoriten. Ein bisschen vom Gebäck wird abgezwackt und mit Kaffee oder Kaba gibt´s dann noch ein kleines Frühstück für alle Frauen. Danach helfen wir Aracely und Ingrid, Aufgaben für mittags rauszusuchen. Gegen 1 kommen dann meistens erst die Kinder aus dem „kinder“ (Kindergarten), später die Schulkinder. Nachdem alle „überwacht“ von Lorena, einer Praktikantin, ihre Hände gewaschen haben, gibt es Essen. Ganz oft Suppe mit Gemüse, Hühnchenfleisch und wirklich echten Hühnerfüßen – bis jetzt konnte ich davor drücken, Clara hat neulich einen abgeknabbert. Vorher wird aber noch gebetet. Nachdem gespült ist, geht es gegen halb 3 an die Aufgaben. Die Kindergartenkinder und 1.-3. Klässler gehen mit Ingrid nach oben, die anderen bleiben unten. Zuerst bekommt jeder ein Aufgabenblatt vom Projekt, danach müssen die Hausaufgaben gemacht werden. So einige Aufgaben aus der Schule sind ziemlich fragwürdig. Jede Zahl von 1-100 eine Seite lang wiederholen, Zahlen in Viererschritten bis 1000 aufschreiben, unzählige Blätter einfach nur ausmalen. Erklären ist auch oft sehr schwer, da unser Schulsystem von Grund auf verschieden ist und wir früher Dinge ganz anders erklärt bekommen haben. Wie kann ich einem Kind erklären, wie man richtig ein „U“ schreibt? Nach dem gemeinsam schreiben, vormalen und „von oben nach unten und wieder nach oben“ rein gar nichts gebracht haben, war ich recht hilflos. Mit den Kleineren mache ich manchmal an einer Tafel die Vokale oder die ersten Zahlen durch. Sonst kontrollieren wir viel oder versuchen, sinnlose Streits über Stifte oder Spitzer zu schlichten. Ein Satz, der häufig gegrölt wird ist „Hermanaaa, *Name* está molestandoooo!“. Auf die Frage, wie der Beschuldigte denn genau nervt oder stört, weiß dann aber niemand eine Antwort… Unten bei den Großen läuft es ähnlich ab. Der Stoff ist natürlich schwerer – wenn wir heimkommen, übe ich mich zur Zeit im schriftlich Dividieren -, aber oft machen vor allem die Coolen lieber Blödsinn anstatt zu lernen. Im Moment kann man sich auch super über uns lustig machen, weil wir dank der Sprache noch nicht wirklich schlagfertig sind. Auch sehr interessant ist, dass viele Kinder daheim nur Quechua sprechen und erst in der Schule Spanisch lernen, viele 7.-Klässler machen noch sehr einfache Textverständnisübungen. Oder manche Kleinen erzählen mir engagiert Geschichten, die ich einfach nicht verstehe. Zuerst dachte ich „Oh je, mein Spanisch ist ja total schrecklich!“. Wenn ich dann aber sage, dass es mir leid tut und ich leider kein Quechua spreche, sind sie immer sehr enttäuscht. Nach dem Erledigen der Aufgaben dürfen die Kinder spielen. Es gibt viele Puzzle, Brettspiele und Legos. Ich will ja nichts sagen, aber meine künstlerischen Lego-Fähigkeiten steigen bereits ins Exorbitante! Gegen 5 wird aufgeräumt, gefegt und wer raus will, muss sich erst von Ingrid eine Rechenaufgabe stellen lassen und beantworten. Unten wird nicht gespielt, sondern gelernt. Dann gibt es den oben genannten Nachtisch und um halb 6 gehen alle nach Hause. Da einige Familien den monatlichen Betrag von 30 bs im Monat nicht aufbringen können, sind einige Kinder kostenlos dabei. Diese Woche werden jeden Abend diese Familien besucht um zu schauen, ob alles okay ist. Wir laufen also mit den Kindern ihren Schulweg nach Hause. Das ist sehr beeindruckend; man kommt in ganz andere Gegenden als einem sonst „vorgezeigt“ werden. Manche Kinder sind am Tag bestimmt 4 Stunden mit Schul-Piñami-Heimweg beschäftigt.

Was mir an Piñami sehr gut gefällt, ist natürlich erst einmal, dass die Kinder etwas zu essen bekommen, was daheim vielleicht nicht der Fall wäre, da die Eltern meist lang arbeiten. Außerdem werden viele wichtige Werte vermittelt: Hygiene durch das Händewaschen, Einhalten von Regeln durch einen klaren Tagesablauf und Zusammenhalt – ein Tisch wird immer ausgewählt zum Fegen oder Spülen. Auch die schulische Unterstützung ist extrem wichtig. Viele Kinder wissen gar nicht, wie sie die Aufgaben lösen sollten; daheim würden sie sie einfach nicht machen. Außerdem wird jedes Kind einfach angenommen – es gibt zum Beispiel zwei taubstumme Schüler. Natürlich ist die Kommunikation sehr schwer, aber alle bemühen sich. So lerne ich nicht nur ein paar Brocken Quechua und schriftlich Dividieren, sondern auch ein paar Buchstaben Gebärdensprache, um wenigstens ein klein wenig erklären zu können. Mit Händen und Füßen klappt das aber ganz okay. Der Abschnitt hat sich jetzt so angehört als müsste ich das schreiben, ist aber nicht so. Ich finde das Projekt wirklich gut und sinnvoll!

Ein zwei Mal waren wir auch schon in Uspha-Uspha, dem anderen Projekt, allerdings sind wir uns noch nicht so sicher, ob das ganze so sinnvoll ist… Darüber müssen wir nochmal mit unserem „equipo“ sprechen. Sobald darüber Klarheit herrscht, gibt es ein Update!

Und für Bilder hat mein Internet heute leider nicht gereicht, die kommen aber auch bald!

Liebe Grüße von eurer Öko-Tante (so fühle ich mich immer, wenn ich beim Einkaufen meine gute Tasche herreiche, damit nicht jede Gurke einzeln in Plastiktüten verpackt werden muss!)

Rahel