Meine Kartoffeln waren da!

Am Sonntag habe ich Mama um halb 4 Uhr an den Flughafen begleitet und habe jetzt Zeit, euch mal wieder ein bisschen was zu erzählen.

Nachdem ich mich von einer „bakteriellen Bronchitis“ Anfang März dank Antibiotika halbwegs erholt hatte, ist Papa an einem Sonntag Mitte März angekommen. Wir haben sowohl Quillacollo, als auch Cochabamba unsicher gemacht; waren auf der Cancha, auf dem Cristo, in Kirchen (wenn sie denn auf hatten) und haben gut gegessen. Dienstags sind wir dann relativ ungeplant nach Sucre gefahren (eigentlich wollten wir ja nach Uyuni, aber am abgemachten Tag ist die Frau des Busunternehmens einfach nicht aufgetaucht!). Auch hier haben wir uns auf Kirchenjagd begeben und auch hier waren alle bis auf eine geschlossen. Papa hat sich durch bolivianische Köstlichkeiten wie Salteñas oder „Teigbällchen“ probiert und wir haben so richtig Urlaub gemacht. Freitagmorgen haben wir dann Kili und Mama abgeholt.

Gleich am ersten Tag wurden sie auf den Cristo geschleppt und einen Tag später mit dem Bus und Pedro nach La Paz und weiter nach Copacabana. Keine so gute Idee! Gleich auf 4000 m gehen sollte man lieber bleiben lassen, die Höhe hat allen ein wenig zu schaffen gemacht. Wieder gut gemacht haben das aber unser wunderschönes Hostel und die freilaufenden Lamas im Garten (das kleine mochte Kili und mich nicht so…). Wir haben – wieder – lecker gegessen, waren auf der Isla del sol und sogar im Palmsonntagsgottesdienst, wo wir doch glatt einen Mitfreiwilligen aus Coroico (Nähe La Paz in den Yungas) samt Besuch getroffen haben.

 

 

 

Noch ein paar typische Titicacaseepostkartenbilder. Rechts oben sind Papa und ich ganz früh (also wirklich früh, wenn man mal unsere winzigen Augen anschaut!) auf den Aussichtsberg gestiefelt und fast vollendet :D. Nach Copacabana sind wir auch noch ein bisschen in La Paz geblieben und haben uns die Stadt und das Valle de la luna angeschaut. Außerdem haben wir mal wieder lecker gegessen, einmal im Restaurant von Pedros Großeltern und das andere Mal im Fischrestaurant seiner Großtante.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Pünktlich für die Karfreitagsprozession in Piñami sind wir wieder nach Cochabamba gefahren. Eigentlich war die Prozessionsstrecke vorher abgemacht, wir haben aber dann doch den ein oder anderen Umweg zu mehreren Häusern gemacht, die eigentlich gar keine Kreuzwegstation vorbereitet hatten. Mama und Papa haben ziemlich gelacht 😀

 

 

 

 

 

 

 

Das war in der Osternacht. Das Osterfeuer wurde irgendwo in der Wiese entzündet, aber es war trotzdem sehr schön. Eine Überraschung war im Gottesdienst, dass beim Gloria wenn die Lichter angehen, Blumen gestreut wurden! Können wir das bitte auch in Deutschland einführen?! Am Ostersonntag waren wir nach der Messe bei Don José und Doña Dora zum Essen eingeladen. Mein schönstes Ostergeschenk war ein echter Lindt-Hase von daheim mit wirklicher Lindt-Schokolade! Lecker. Er lebt schon nicht mehr.

Und dann mussten Mama, Kili und Papa natürlich auch mal noch zusammen mit nach Piñami mitkommen:

Allgemein haben wir in diesen Tagen sehr sehr sehr viele Essenseinladungen bekommen. Das folgende Bild ist bei Javier und Patricia in ihrem kleinen Paradies in „El Paso“.

Und in der Dienstagsmesse bei den Brüdern waren sie auch dabei. Da ist Papa was rausgerutscht, an das sich hier bestimmt noch alle ganz lange erinnern werden können. Das Wort für Kartoffel (papa) wird so betont wie bei uns Papa (Vater). Die Eltern (auch „papás“) betont man aber auf der zweiten Silbe. Papa hat sich und Mama mit den Worten vorgestellt „Nosotros somos las papas de Rahel.“ also „Wir sind die Kartoffeln von Rahel.“ Höhö…:D

Am Mittwoch nach Ostern sind Kili und Papa dann wieder nach Deutschland geflogen und Mama ist noch drei Wochen hier geblieben. Wir haben viel gemacht und gesehen. Das Highlight war aber natürlich die Tour durch die Salzwüste (Salar de Uyuni) und den umliegenden Naturpark.

Wieder typische Tourifotos (danke an Ronaldo, unseren Fahrer, der sich beim Fotos machen voll ins Zeug gelegt hat:D). Für das untere Bild sind wir übrigens um halb 5 aufgestanden, um bei Sonnenaufgang die Geysire zu sehen! Danach ging es dann in heiße Quellen.

Ein dreiviertel unserer Gruppe – die zwei Schweden Löten und Martin fehlen. Und obwohl es so aussieht, pinkeln wir hier NICHT ins Quinuafeld. Die Pflanzen wachsen da im Nirgendwo ohne Wasser! Dafür haben sie grade mit einer Raupenplage zu kämpfen.

Nach einer Erholungsnacht in Uyuni ging es für uns weiter nach Potosí, die Minenstadt. Und was macht man in einer Minenstadt? Richtig, die Mine besuchen. Davor hatte ich wirklich richtig richtig Angst. So schlimm war es dann doch nicht, aber schon eines der beeindruckendsten Dinge, die ich je gemacht habe. In die Mine wurden zu Präkolonisationszeiten Verbrecher zur „Besinnung“ geschickt. Die Europäer haben dann die indigenen Einwohner unter menschenunwürdigen Bedingungen dort arbeiten lassen. Heutzutage sind die Arbeiter in Grüppchen organisiert. Sie erhalten kein regelmäßiges Einkommen, sonder nur so viel, wie sie aus der Mine „rausholen“. Und da waren wir wirklich drin, im ganz normalen „Betriebsschacht“ und mussten immer ausweichen, wenn mal wieder jemand eine Ladung Mineral raustransportiert hat. Auch den „Tío“ haben wir besucht, den „Gott der Unterwelt“, den die Mineros anbeten, damit er ihnen nichts tut. Das war schon sehr bedrückend. Dann habe ich allerdings drei Heiratsanträge bekommen und hätte nicht gedacht, dass die Mineros auch so aufgeschlossen und lustig sind, anders ginge es wahrscheinlich aber auch nicht. Als wir dann wieder Sonnenlicht gesehen haben, war ich doch sehr froh.

Da Sucre auf dem Weg nach Cochabamba liegt, sind wir da zur Erholung auch noch hingefahren und haben es uns gut gehen lassen. Daheim war Mama ganz fleißig in allen Gruppen der Gemeinde. Unter anderem auch bei den Stickfrauen:

Das war also mein Familienbesuch:). Und in nicht mal vier Monaten bin ich schon wieder daheim. Unglaublich, wie schnell die Zeit vergeht!

Ich übe jetzt fleißig drei mal die Woche Chacarera, damit das beim Pilgerfest Urkupiña auch alles klappt. Wer meine Gruppe mal sehen möchte, hier mal wieder ein Link: https://www.youtube.com/watch?v=2Ceb27IiIBA

Ich bin mir gerade nicht sicher, ob ich das mit Uspha letztes Mal schon erwähnt habe, aber doppelt hält ja bekanntlich besser: Montags gibt es dort keine Hausaufgabenbetreuung mehr und wir werden nur noch donnerstags hin gehen. Dafür haben wir jetzt unsere Englischstunden vermehrt und haben drei Gruppen am Montag.

Uuund es scheint, als hätte ich mir Läuse eingefangen. Mich wundert aber, dass es so lang gedauert hat, denn die Kinderköpfe haben es den lieben Tierchen offensichtlich sehr angetan. Naja, ich mache jetzt jede Woche einmal Haarwaschung mit Läuseshampoo und habe mir ein Kopftuch zum arbeiten gekauft.

In diesem Sinne

krabbelige Grüße aus Bolivien

Rahel

P.S.: Während des Veröffentlichens ist noch was passiert: Johanna wurde von nem Hund gebissen, als dieser aus der Tür seiner Besitzer gelassen wurde! Um 7 abends erst! Ihr geht es gut, es ist eine recht kleine Wunde und der „Täter“ ist auch geimpft. Jetzt bin ich doch ganz froh, dass ich alle möglichen Impfungen über mich ergehen lassen habe! 😀

Das Waschpulver ist leer.

Der Januar ist schon wieder vorbei und wir haben viel erlebt. Zusammen mit Angelika, Klara und Lina aus Santa Cruz sind wir ein bisschen gereist. Erst ging´s mit der „flota“ (Reisebus; auch gerne verwechselt mit „flauta“-Flöte) nach La Paz. Dort haben wir Johanna, Tabea und Sofia getroffen, waren im Valle de la luna und haben uns von Pedro in die Restaurants seiner Familie einladen lassen und ganz viel Fisch gegessen. Lecker! Drei Tage später – aufgrund von bloqueos gab es nur Trufis – sind wir weiter gefahren nach Copacabana an den Titicacasee, haben wieder Fisch gegessen, waren auf den Islas und haben einfach den wunderschönen See genossen. Dann waren die Straßen gesperrt wegen „Dakar“, dem Wüsten-Autorennen, und wir waren froh, dass wir es dann nach doppelter Fahrzeit wieder nach La Paz geschafft haben. Die Andern sind dann weiter nach Uyuni in die Salzwüste gefahren, aber ich habe noch zwei Tage mit Bea´s Schwester Berna und ihrem Mann Carlos in La Paz verbracht und wurde ordentlich durchgefüttert. Und dann bin ich wieder heim – ja, Kolping ist „daheim“ geworden! – habe mit Aracely und Ingrid Werbung für´s Projekt gemacht, Plakate geschrieben, Rechenspiele auf Vordermann gebracht und die Woche allein daheim genossen. Wir haben auch wieder einige „Problemfamilien“ besucht und ich bin jedes Mal wieder neu überrascht und erschüttert, wie es da manchmal zugeht. Der alleinerziehende Papa der zwei taubstummen Mädels und deren Bruder hat in den Ferien keine andere Möglichkeit, seine Kinder tagsüber allein in dem kleinen Zimmerchen zu lassen. Zu Essen gibt es dann drei Brötchen und das Haus wird von einem aggressiven Hund bewacht, weil die zwei Großen ja gar nicht merken würden, wenn jemand Fremdes kommen würde. Da dachte ich mir erst „Welcher Vater kann so was denn zulassen?!“. Aber einen Tag später haben wir ihn dann zufällig getroffen und er meinte ganz traurig, dass er gar keine andere Möglichkeit hat, da er jeden Cent braucht, um seine Kinder auf die Schule für Taubstumme schicken zu können. Oh man. Aber ab Dienstag gehen sie wieder in die Schule, kommen danach zu uns und sitzen nicht nur daheim rum!

Aufgrund von bloqueos – die sind auch schon total Alltag geworden – sind Tabea aus Inde und ich schon am Sonntagabend nach Santa Cruz gefahren und haben mit dem Rest der „Reisegruppe“ noch zwei schöne Tage verbringen können. Ich bin jetzt stolze Besitzerin von schwarzen Flip-Flops und einer Schlabberhose – ohne geht da dank der Temperaturen und der hohen Luftfeuchtigkeit nämlich überhaupt nicht. Wir haben viel Eis gegessen und sind einmal auch ein bisschen weiter raus gefahren und waren nach einer aufregenden Fahrt im Truck durch Flüsse und Bächlein quasi im Dschungel in Lagunen mit Wasserfall baden – so ganz idyllisch. Da kam nochmal so richtig Urlaubsstimmung auf.

Letzten Mittwoch hat dann unser Zwischenseminar angefangen und ich bin total begeistert. Wir waren 24 Freiwillige aus La Paz, Cochabamba und Santa Cruz und haben uns auf Anhieb richtig gut verstanden. Die Leiter des Seminars waren auch einfach gut und entspannt. In Kleingruppen haben wir unser erstes halbes Jahr (bei uns sind es ja erst 4,5 Monate…) Revue passieren lassen, viel über Politik und Kultur geredet und Pläne geschmiedet für die nächste Halbzeit. Und das kam bei mir raus: 1.)Damit´s hier in der Wohnung nicht so eng ist, könnten wir Bea fragen ob eine von uns in das Zimmer einen Stock weiter runter ziehen kann. 2.)Wir sind ja schon immer so ein „Dreier-Päckchen“, was ja auch ganz nett ist, aber manchmal doch ein bisschen anstrengend. Meine Kleingruppe meinte dann, ich soll mir einfach ein Hobby suchen. Und dann hat Simon, der mit Cilli und ein paar anderen aus seiner WG in Quillacollo tanzt, mich gefragt ob ich seine Tanzpartnerin beim „Chacarera“ sein will. Da hab ich natürlich gleich zugesagt und „hab jetzt was Eigenes!“. Und zum Kaffee trinken mit einigen anderen „Cochabambinas“ hab ich mich auch schon verabredet.                   

Ah, und das Essen war super lecker! Wir haben aber auch schon über so Sachen wie Abschied und Ankommen in Deutschland gesprochen und da hab ich gemerkt, dass ich hier so schnell gar nicht mehr weg will. Mir hond´s halt scho schee, gell! Einen Ausflugstag hatten wir auch und waren nochmal in Lagunen baden, allerdings woanders und es hat irgendwann dermaßen angefangen zu schütten. Ein bisschen Sonnebrand hab ich aber trotzdem gekriegt – woher auch immer… Bei der Hinfahrt mussten wir übrigens die Polizei bestechen, weil Sophia (auch aus Cochabamba!) ihr Carnet nicht dabei hatte und wir aber durch einen Kontrollpunkt kommen wollten. Das Beispiel wurde dann gleich am nächsten Tag bei „Kultur“ durchdiskutiert:D. Lange Rede, kurzer Sinn: Das Seminar war der Hammer und die Liste meiner Ausflugsziele ist auf jeden Fall länger geworden; die Projekte oder Dörfchen der anderen haben sich super spannend angehört.

Und jetzt noch eine andere Nachricht: Im Tiefland gibt’s ja richtig viele Mücken, auch böse, und eine Freiwillige aus La Paz hat sich wahrscheinlich eine Krankheit namens (das war nur die Eselsbrücke, wie sie richtig heißt weiß ich nicht mehr) „Chicken-Huhn-ja“ mit ganz üblen Gliederschmerzen eingefangen. Die Arme konnte nicht mehr schlafen, sitzen, laufen oder stehen ohne Schmerzen. Mich haben sie aber (hoffentlich) verschont, hab mich auch immer brav mit Mückenspray eingesprüht (Danke Clara!).

Und morgen geht’s dann wieder los im Projekt, wir räumen nochmal alles auf bevor am Dienstag wieder der Normalbetrieb los geht. Ich freu mich schon wieder richtig auf die Kinderchen:D Und worauf ich mich auch riesig freu: In ungefähr anderthalb Monaten darf ich Papa vom Flughafen abholen!!! Jippie!

Zum Titel des Textes: Ganz am Anfang haben wir immer gesagt „Wenn das Waschpulver mal leer ist, dann sind wir so richtig angekommen!“. Und ja, diese Aussage kann ich bestätigen!:) Wir haben gleich mal neues gekauft, ein blaues.

Und noch eine wichtige Sache, die ich vom Sepp aus Oberbayern beim Seminar gelernt habe: „Dr Hoos liegt im Groos. Ganz stad. Kopf abgmaht. Kopf liegt danem – unangenehm!“

In diesem Sinne, liebe Grüße nach Deutschland

Eure baldige Profitänzerin

Rahel

P.S.: Aufgrund eines Handy-Missgeschicks kann ich keine Bilder hinzufügen. Das klappt aber hoffentlich in ein paar Tagen!

Todos Santos in Independencia

Letzten Mittwoch haben wir uns mit den anderen Freiwilligen aus Cochabamba zu siebt für ein paar freie Tage auf den Weg nach Independencia gemacht. Nach 6 Stunden Busfahrt über holprige Straßen und Berge – geprägt von Aufs-Klo-Müssen, Hardcore-Pinkeln auf einer komplett freien Fläche und drei kleinen sich übergebenden Kindern (eine davon „unsere“ kleine Laura) – hatten wir dann einen sehr schönen Blick auf das von ein paar Lichtern erhellte Independencia. Abgeholt wurden wir von Tabea, die dort gemeinsam mit Sofia im Centro Social, einem Internat, wohnt und in der Schule und im Kindergarten arbeitet. Das Erste, was mir aufgefallen ist, ist die Tatsache, dass die beiden nach dem Jahr die Mords-Waden haben werden. Der Weg vom „Zentrum“ des Dorfes hoch ins Centro ist zwar nicht weit, dafür aber unglaublich steil. Mit dem großen Rucksack, in dem Clara, Johanna und mein Gepäck drin war, war der Anstieg gar nicht so einfach – hier in Cochabamba ist ja alles flach und ich bin immer schon nach ein paar Treppen geschafft.

Dann kam die nächste Überraschung: Der Nachtpförtner des Geländes hat uns eröffnet, dass wir es vermeiden sollten, nach 22.30 unser Zimmer zu verlassen und wenn, dann nur mit einer Flasche Wasser. Da werden nämlich die vier scharfen Schäferhunde losgelassen, die übrigens vor ein paar Wochen nachts eine Katze umgebracht haben. Da hat mein Hunde liebendes Herz erst mal einen großen Hüpfer gemacht. Aber nicht aus Freude. Und ich habe direkt unsere überschwänglichen und nervigen, aber halt netten Haushunde vermisst! Das ist echt doof, wenn man nachts aufwacht, weil man eigentlich aufs Klo müsste, aber zuerst eine halbe Stunde wach rumliegt und mit sich selber ringt, ob es jetzt schon so dringend ist, dass man sich der Gefahr draußen stellen muss. Und dann aufsteht, die Tür öffnet und rausspitzt ob grad einer in der Nähe ist und ganz schnell aufs stille Örtchen rennt – bewaffnet mit einer zwei Liter Wasserflasche, man weiß ja nie – und dann auch noch wieder zurück muss! Es geht recht viel um Urin, Entschuldigung! Mir ist zum Glück nie was passiert und ich musste auch das Wasser nicht anwenden!

Das Centro Social wird von Schwestern geführt, eine von ihnen Schwester Verena – der Name sagt vielleicht einigen was. Wir wurden total herzlich begrüßt, haben jeden Tag drei Mal richtig tolles Essen bekommen und mussten danach nicht mal spülen! Nach der ersten Nacht war dann ja „Día de los Difuntos“, in Deutschland Allerseelen. Und bestimmt kennt ihr die Bräuche, zumindest aus Mexiko. So groß war das in Inde – so sagt man das, wenn man cool ist ?- natürlich nicht. Gegen Mittag sind wir los auf den Friedhof und haben uns mit anderen Freiwilligen getroffen: Desiree und Jonas, Freiwillige vom BKHW, die auch in Inde wohnen und arbeiten, hatten Besuch von ihren „Kollegen“ aus La Paz – ein paar von ihnen haben wir schon beim Ankommensseminar in Santa Cruz kennengelernt. Nach und nach sind wir dann ins Geschehen auf dem Friedhof eingetaucht. Jede Familie, die einen Angehörigen verloren hat, muss die ersten drei Jahre nach dessen Tod an oder auf seinem Grab am Día de los Difuntos allerlei leckere Sachen parat haben: Tanta Wawas (so heißt das auf Quechua), Gebäckstücke in allerhand Formen und Geschmäckern (Clara behauptet, ein Brot in Form eines Lamafötus ergattert zu haben), Früchte, Figürchen aus Zucker, Dinge, die der Verstorbene mochte und ganz wichtig: Chicha – Maisbier, säuerlich, bisschen bitter, erinnert mich an Most – das in kleinen Schälchen gereicht wird, in das 4-5 große Schlücke (von mir) reinpassen. Gegen Gebete für den Verstorbenen gibt es dann am Grab ordentlich von den oben genannten Leckereien. Und Chicha, auch davon nicht zu knapp – Ablehnen war nicht. Und die Sonne hat erbärmlich runtergebrutzelt. Hätten wir (unser Grüppchen bestand aus Clara, Johanna, Sofia und mir) nach anderthalb Stunden nicht aufgehört, hätten wir am Ende des Tages statt einer großen Tüte fünf, ordentlich Einen hocken und noch schmerzhafteren Sonnenbrand gehabt. Das spanische Vater Unser und Ave Maria läuft jetzt aber wie geschmiert. Wir hatten auf jeden Fall richtig Spaß – so was würde ich von einem Friedhofsbesuch daheim jetzt nicht behaupten! Und dass ein deutsches Vater Unser so viel Eindruck machen kann, hätte ich auch nie erwartet?. Vielleicht haben wir auch nur deswegen so viel Chicha bekommen, wer weiß… Abends sind wir mit den anderen Freiwilligen ein bisschen den Berg hochgelaufen, haben ein Lagerfeuer gemacht und einen Geburtstag nachgefeiert. Eigentlich pünktlich vor den Hunden sind wir zurückgekommen. Als wir dann beim Zähne putzen standen, kam der Pförtner mit einem riesen Stock vorbei. Auf meine Frage, ob wir vielleicht noch 5 Minuten Zeit haben können, meinte er nur wir sollen uns halt beeilen, er lässt die Zuckerschnäuzchen (das war ich…) jetzt raus. Ob meine Zähnchen richtig sauber geworden sind, weiß ich nicht…

Am Freitag wollten wir dann eine kleine, beschauliche Wanderung zu einem Wasserfall in der Nähe mit unserer Mentorin Carmen machen. Ihre Eltern wohnen in Inde und sie ist einen Tag nach uns angekommen. Sie meinte, das wäre was ganz Gemütliches, je eine Stunde für den Hin- und Rückweg. Da kann man natürlich locker erst nach dem Mittagessen losgehen! Begleitet wurden wir übrigens von Nina und ihrem Freund, die vor genau 7 Jahren Freiwillige hier war. Ganz komisch, mir jetzt vorzustellen, dass ich auch mal wieder irgendwann her kommen werde, aber gar nicht mehr so richtig „drin“ sein werde! Zurück zur Wanderung. Ich mach´s jetzt einfach mal kurz: Wir waren über 6 Stunden unterwegs, sind eigentlich geklettert und mehrmals fast gestorben. Dem Fluss entlang ging es über gefühlt senkrechte Felsen, Höhlen, allein unüberquerbare Steine und auf dem Zurück an einem steilen Abgrund ohne erkennbaren Weg entlang. Und das alles ohne viel Kletterkenntnis oder Sicherung und mit einer Dreijährigen. Und der größte Witz an der Geschichte war: Da es ja grad Sommer wird und die Regenzeit schon lang vorbei ist, war der Wasserfall kein „Fall“ sondern zwei Mini-Rinnsale – wir haben nicht mal ein Foto gemacht. Man kann sich vorstellen, dass wir nach dieser (Nahtod-) Erfahrung unendlich glücklich waren, als wir dann das erste Mal wieder auf befestigtem Boden, genauer gesagt auf einer Kuhweide, standen. Diese Erleichterung drückt sich besonders in Claras Ausruf aus: „Also wenn ich Raucher wäre, würde ich mir jetzt sofort eine anstecken!“ Zum Glück hat man uns im Centro das Essen aufgehoben.

Am nächsten Tag haben wir nicht mehr viel gemacht – danke Herr Muskelkater. Nur im „Living“ waren wir abends noch. Das ist ein Raum, in dem ein paar Sofas und Sessel stehen und sich dann die Schwestern und alle, die sonst grade noch Zeit haben, zusammen hinsetzen, Teechen trinken, Kuchen essen, schwätzen und stricken. Das hat mir nochmal richtig gut gefallen, da fühlt man sich wirklich gleich wie daheim. Vor allem weil wir am Anfang noch allein mit Schwester Verena waren, die ja aus Deutschland kommt, und sie ganz viel erzählt hat. Gegen ihre 49 Jahre sind unsere (fast) 2 Monate hier eben gar nix! Nachts um 3 ging es dann leider wieder nach Hause, aber ich muss auf jeden Fall noch ein paar Mal zurück, um mehr von der Umgebung zu sehen (aber bitte ohne Todesangst! ?) oder um einfach mal nur gute Luft abzukriegen! Die Landschaft ist echt der Hammer und ich habe die verhältnismäßig ruhigen Tage ohne Handy und Arbeit total genossen.

Uns geht´s – wie immer – gut! Alle sind jetzt hoffentlich mal für längere Zeit gesund.

Mit dem Schwätzen läuft´s auch immer besser, im apoyo muss ich schon fast nicht mehr nachdenken. „Was/wo ist deine Hausaufgabe?“, „Das ist jetzt leider überhaupt nicht richtig.“ und „Moises, bitte mach jetzt sofort deine Hemdknöpfe wieder zu!“ hab ich schon im Schlaf drauf.

Und am Wochenende ist ein Theaterfestival in Cochabamba, da freu ich mich sehr drauf. Und was macht Deutschland so?

 

Sonnige Grüße von

Rahel

Independencia von (fast) oben

Einer von vielen Ausblicken

Ein ganz besonders schönes Grab – Foto machen war erlaubt!

Mitten bei der Wanderung – der Schein trügt!

Ovejitas mit Hüterin auf der Hinfahrt

Geschafft! Foto auf der Kuhweide

Straßenfeste, Quinceañera und Karaoke

Juhu, das ist der erste Eintrag in der Kategorie „Freizeit“!

Straßenfeste

Letztes Wochenende waren wir gleich auf zwei Straßenfesten und haben die erste Begegnung mit der bolivianischen Tanz-Kultur gemacht. Samstags war abends ein großer Umzug in Colcapirhua am km 9, also gar nicht weit weg von uns. Mit Pedro, Aracely und ihrer Tochter Wara sind wir gegen 7 los und haben uns erst durch Menschenmassen und unzählige Essensstände gequetscht. Fies, wenn man bedenkt, dass wir noch nichts gegessen hatten und eigentlich noch gar kein Straßenessen essen dürfen und es damit auch später nicht übertreiben sollen – mindestens einen Monat zum „akklimatisieren“ sollten wir einhalten. Aber da gibt es halt auch sooo leckere Sachen! Salchipapa  (gebratene Wurststückchen mit Kartoffeln) Hamburger-Stände oder typisch frittiertes Hühnchen mit Pommeskartoffeln für wenig Geld. Allein die Gerüche! An ein ziemlich hartes süßes Gebäck mit Zuckerglasur hab ich mich dann aber doch gewagt – genehmigt von Aracely. Und dann haben wir uns den Umzug angeschaut (auf Anfrage schicke ich wieder gerne Videos?). Das Ganze ist vergleichbar mit der Fasnet daheim, nur, dass es hier WIRKLICH nur zum Spaß ist ?. Unzählige bunte Menschen sind tanzend, singend und Musik machend an uns vorbeigezogen, das war schon echt toll anzuschauen (Wer an der Musik interessiert ist: Hört euch mal „Señora Chichera“ an, das hat jede zweite Kapelle gespielt!). Jedes Kostüm und jeden Tanz zu beschreiben, würde – mal wieder – den Rahmen sprengen. Am besten hat uns allen aber „Tinku“ gefallen (nicht zu kurze Röcke und rhytmische Musik). Wer mich kennt, weiß, dass ich nicht zu den Auserwählten gehöre, die sich Tanzschritte einfach so merken, ohne Scheu drauf los tanzen können (außer beim Blödsinn machen) und es dann auch noch gut aussieht. Daher war ich doch ganz froh, dass ich mich den zwei Händen entziehen konnte, die mich mitziehen wollten. Dafür hat es Johanna und Clara erwischt, die sich auf jeden Fall viel besser angestellt haben als ich es gekonnt hätte! Später sind wir dann ein bisschen rumgelaufen und haben ganz gekonnt die durch Alkoholkonsum vermehrten Rufe nach uns „Gringas!“ und „Choquitas!“ an uns abprallen lassen. Pedro hat uns die Kirche in Colcapirhua gezeigt – zugestopft mit Lilien in allen Farben – und wen treffen wir da? Padre Gonzalo, den Ex-Pfarrer aus Cruz Gloriosa, von dem wir zum Essen eingeladen wurden. Aber ganz bolivianisch ohne Datum oder so?. Dann haben wir was gemacht, was ganz typisch für solche Straßenfeste ist: Tischkickern. Für ein kleines bisschen Geld kann man sich ganz viele harte Partien an unzähligen aneinandergereihten Kickern liefern. Und dann gings auch bald wieder brav nach Hause.

Am Sonntag war dann in Uspha-Uspha, am km 9 auf der anderen Seite von Cochabamba, eine Marienprozession der dortigen Gemeinde, die dann in einen Umzug genau wie am Tag zuvor übergegangen ist. Und abends gab es dann noch einen Wettbewerb zwischen den Tanzgruppen. Wir sind morgens mit Hermana Justy hingefahren und haben gemeinsam mit den anderen Schwestern für die Tanzgruppe der Firmlinge gekocht und haben uns dann den Umzug angeschaut – es war echt ziemlich heiß, keine einzige Wolke am Himmel. Ich frage mich, wie die Tänzer das den ganzen Weg ausgehalten haben! Vor allem die Jungs, die in einem gebastelten Stierkörper gesteckt sind. Genau wie bei uns das Rössle, Kili! ? Leider hab ich davon kein Bild.

Quinceañeras

Am nächsten Wochenende waren wir wieder auf einem Straßenfest auch hier in der Nähe – ich habe allerdings den Namen des Stadtteils vergessen, es war irgendwas mit T. Auch mit Tischkickern und Tänzern, aber alles noch einen Tick größer. Und ganz spontan wurden wir dann noch auf einen Quinceaños eingeladen. Hier und in ganz Lateinamerika werden die 15. Geburtstage der Mädchen – sofern finanziell möglich – ganz groß gefeiert. Und schick sollte man sein! Also mussten wir nochmal schnell heim und Jeans, Pulli und Turnschuhe in Kleidchen und Ballerinas umtauschen. Trotzdem waren wir total „underdressed“ wie man so schön sagt – alle Jungs in Anzug und die Mädels ziemlich überwätigend geschminkt und gekleidet?. Was ich aber auch gern sage: „Wir haben eh den Gringa-Bonus!“. Trotzdem muss ich mir vielleicht doch bald mal schickere Ausgeh-Klamotten zulegen… Die ganze Party war DAS Erlebnis des Wochenendes. Mittelpunkt waren die frisch 15-jährigen Zwillinge in Glitzerkrönchen, Tüllträumen in türkis und unglaublich hohen silbernen Schuhen. Die ganze Aufmachung hat mich eher an eine kleine Hochzeit erinnert – Tanz mit Papa und Freund, dreistöckige Torte, passende Deko mit Stuhlüberzügen etc. Auch einen Moderator gab es, der die Leute zum Tanzen aufgefordert hat und allerlei Aktionen angeleitet hat (Einzug der Quinceañeras, Anschneiden der Torte, Übergabe der Geschenke und die „hora loca“ – 5 verkleidete Leute, die nur Blödsinn gemacht haben). Leider ist dann der unausweichliche Moment gekommen, in dem ich dann doch tanzen musste. In zwei langen Reihen, immer Mädchen und Junge gegenüber, habe ich dann alles brav über mich ergehen lassen und am Schluss hat es tatsächlich Spaß gemacht. Sogar ein paar Schritte Tinku und Morenada (ein anderer Tanz) habe ich gelernt, hoffentlich kann ich mich nächstes Mal wieder dran erinnern!

Karaoke

Am nächsten Tag wurden wir von Waras (Tochter unserer Vermieterin Beatriz) Kumpel Pacho zur Karaoke bei ihm daheim in Quillacollo eingeladen. Ein bisschen aufgeregt war ich dann doch, weil ich sonst nur im KJW-Chor ein bisschen im Alt in der Masse untergetaucht bin oder allein im Auto mein Bestes gegeben hab. Deshalb war ich doch beruhigt, als sich herausgestellt hat, dass außer uns, Pacho und Wara nur noch zwei andere da waren, die sich kein einziges Mal getraut haben zu singen. Es waren drei richtig nette und entspannende Stunden, so unter Gleichaltrigen ist das gleich ganz anders! Resultat des Abends: Ich habe ein bisschen an Selbstvertrauen gewonnen und lerne jetzt fleißig Disney-Songs auf Spanisch!

Wie ihr seht, sind wir schon ein bisschen im gesellschaftlichen Leben Boliviens angekommen! Juhu! Zum Glück gibt´s Leute, die uns überall hin mitnehmen. Uns geht es so weit gut (außer einigen gesundheitlichen Ausfällen meinerseits…), der Alltag ist langsam da und in der Arbeit wissen wir wie der Hase läuft (oder auch frei übersetzt nach Clara Schwab: „Sabemos como corre el conejo.“)

 

Liebe Grüße

eure Rahel (, die sich jetzt doch sehr ernsthaft überlegt, hauptberuflich Opernsängerin oder Tänzerin zu werden! Höhö…)

 

Auf der Pasarela nach Colcoapirhua

Kleine Salay-Tänzerinnen

Das ist Tinku!

Caporales-Tänzer mit viel Bling-Bling

Unsere Mini-Karaoke-Party

Passt zwar nicht zum Beitrag, aber die Hunde-Welpen sind einfach sooo flauschig gewesen!